Chronische Schmerzen homöopathisch begleiten

von Dorit Zimmermann • 1. September 2025

Wie Glück oder Freude ist auch der Schmerz fester Bestandteil unseres Lebens. Chronische Schmerzen sind allerdings schwer zu ertragen, sie machen uns hilflos und ohnmächtig. Die Homöopathie kann hier unterstützend eingesetzt werden. ((BU))

Wenn der Schmerz ein Eigenleben führt

Allein in Deutschland leiden mindestens acht Millionen Menschen, das sind rund zehn Prozent der deutschen Bevölkerung, an chronischen, schwer therapierbaren Schmerzen. Diese beeinträchtigen den Alltag der Betroffenen mitunter massiv und wirken sich in vielen Fällen negativ auf Lebensqualität und Lebensfreude aus. Von schulmedizinischer Seite haben chronische Schmerzpatienten außer mehr oder weniger nebenwirkungsreichen Medikamenten oft wenig zu erwarten. Alternative Heilverfahren können die Schmerzen zwar auch nicht immer gänzlich aus der Welt schaffen, aber sie tragen dazu bei, das Leben der Schmerzgeplagten um Einiges erträglicher und positiver zu gestalten. Mitunter gelingt es sogar, die Schmerzen deutlich zu lindern oder gar komplett überflüssig zu machen.

Schmerz ist keine objektive Größe, sein Erleben ist subjektiv und höchst individuell. Jeder Mensch erlebt Schmerzen auf einzigartige Weise. Die persönliche Schmerzwahrnehmung und –toleranz hängt von zahlreichen Faktoren ab, die untrennbar mit der eigenen Lebensgeschichte verwoben sind. Insofern bietet sich die Klassische Homöopathie zur Linderung chronischer Schmerzen wie keine andere Heilweise an: Sie ist individuell und berücksichtigt den Menschen in seiner Komplexität. Physische und psychische Symptome fließen gleichermaßen in die Verordnung des entsprechenden homöopathischen Arzneimittels ein. Der Königsweg bei der Behandlung chronischer Schmerzpatienten ist in meinen Augen die Verbindung der Klassischen Homöopathie Samuel Hahnemanns mit dem Ansatz der Empfindungsmethode, wie sie der indische Arzt und Homöopath Dr. Rajan Sankaran vor rund 25 Jahren entwickelt hat. Mittlerweile verfügt die Klassische Homöopathie über rund 3000 verschiedene Mittel aus unterschiedlichen Naturreichen (Mineral-, Pflanzen- und Tierreich), es ist also möglich, sehr differenziert und individuell zu verschreiben. Aber auch andere Verfahren aus dem Bereich der Komplementärmedizin können dazu beitragen, chronische Schmerzen zu lindern.

Als chronisch gilt ein Schmerz, wenn er länger als sechs Monate anhält oder periodisch an mehr als 15 Tagen pro Monat auftritt. Chronische Schmerzen haben sich verselbstständigt, sind losgelöst von der ursprünglichen Erkrankung oder Verletzung. Sie haben ihre Schutzwirkung zumindest im körperlichen Bereich verloren. Die Folge nicht oder nicht ausreichend therapierter Schmerzen ist häufig das Schmerzgedächtnis.

Ein paar Sätze zur Schmerzphysiologie

Schmerzen sind die physiologische Reaktion des Körpers auf alles, was vom Gehirn als potenzielle Bedrohung eingestuft wird. Selbst heftigste chronische Schmerzen bestehen nur deshalb, weil das Gehirn aus irgendwelchen, oft nicht nachvollziehbaren Gründen beschlossen hat, dass der Organismus akut gefährdet ist. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn das Gehirn entschieden hat, dass keine akute Gefahr vorliegt, dann entstehen auch keine Schmerzen. Letztlich ist das Gehirn der wahre Urheber jeglicher Schmerzempfindung. Und selten ist der Ort der Schmerzwahrnehmung auch tatsächlich der Auslöser vor allem chronischer Schmerzen. Man weiß heute, dass sie zentralnervösen Ursprungs sind. Interessant ist auch, dass bei der Wahrnehmung und Verarbeitung sowohl körperlicher als auch seelischer Schmerzen dieselben Hirnareale aktiv sind, das haben bildgebende Verfahren eindeutig belegt. Dabei ist es bislang unklar, von welchen Faktoren es abhängt, ob ein Schmerz körperlich oder seelisch erlebt wird. (1) Meist sind beide Wahrnehmungsebenen miteinander verzahnt und so gibt es in der Regel weder einen rein körperlichen noch einen rein seelischen Schmerz.

Als wie stark Schmerzen empfunden werden, ist nicht abhängig vom Schweregrad der Gewebeschädigung, oft liegt sogar überhaupt keine nachweisbare Verletzung vor. Ein signifikantes Beispiel hierfür ist der Phantomschmerz, bei dem ein nicht mehr vorhandener Körperteil als schmerzhaft empfunden wird. Oft klagen Patienten über anhaltende Schmerzen, obwohl die Verletzung oder Entzündung längst abgeklungen ist: Der Schmerz hat sich verselbstständigt.

So entstehen Schmerzen

Überall im Körper, in der Zellmembran der Neuronen, befinden sich Sensoren, die auf bestimmte Reize (chemisch, mechanisch, thermisch) spezialisiert sind. Reagieren die Sensoren auf einen Reiz, öffnen sie sich, sodass positiv geladene Teilchen (Ionen) von außen in die Neuronen einströmen können. Dadurch wird ein elektrischer Impuls ausgelöst. Die meisten Sensoren befinden sich im Gehirn, welches als Kommandozentrale fungiert. Sie werden vor allem durch chemische Botenstoffe aktiviert. Glücklicherweise haben Sensoren eine kurze Lebensdauer von nur wenigen Tagen und werden laufend durch neue ersetzt. Das bedeutet, dass sich auch die Empfindlichkeit für bestimmte Reize ständig verändert, was gerade bei chronischen Schmerzen wichtig ist: Das Maß der Schmerzempfindlichkeit ist nicht von Dauer, es kann sich wandeln.

Die Mischung der verschiedenen Sensoren im Organismus ist in der Regel relativ ausgeglichen. Sollte das Gehirn aber entscheiden, dass beispielsweise eine erhöhte Stressempfindlichkeit gerade das Beste für die Sicherheit des Betroffenen ist, so steigert die DNA die Produktion von Sensoren, die durch stressbedingte Botenstoffe wie Adrenalin geöffnet werden. Im Umkehrschluss heißt das, dass die Produktion dieser Sensoren auch wieder reduziert werden kann, wenn die entsprechende Nachfrage sinkt. Hierauf kann der Betroffene aktiv Einfluss nehmen, z.B. durch stressreduzierende Maßnahmen wie autogenes Training, Meditation oder Imagination.

Im Falle einer akuten Bedrohung werden Signale höchster Dringlichkeit z.B. von der Peripherie zum Rückenmark gesendet und von dort ans Gehirn weitergeleitet. Dieser Vorgang wird als Nozizeption (lat. nocere = schaden) bezeichnet. Dabei setzen spezialisierte sensorische Rezeptoren (Nozizeptoren) das Gehirn über drohende Gewebeschädigungen in Kenntnis. Die Aktivierung dieser Schmerzrezeptoren wird durch bestimmte Stoffe, sogenannte Schmerzmediatoren gesteuert. Nozizeptive Aktivitäten sind allerdings keine Voraussetzung, um Schmerzen zu empfinden. Wie bereits erwähnt, können vor allem chronische Schmerzen auch wahrgenommen werden, wenn keine Gewebeschädigung vorliegt. Nozizeption ist demnach zwar der häufigste, nicht aber der einzige Vorbote von Schmerzen. Mitunter aktivieren auch bestimmte (negative) Gedanken wie antizipatorische Ängste Alarmsignale direkt im Gehirn, ohne dass eine Nozizeption ausgelöst worden wäre. Hier kommt das Schmerzgedächtnis ins Spiel (siehe unten).

Neuronen sind elektrisch erregbar. Jedes Mal, wenn sich ein Sensor öffnet, und positiv geladene Teilchen einströmen, wird das Neuron etwas mehr erregt. Wenn sich noch weitere Sensoren öffnen, und die Erregung einen kritischen Punkt erreicht hat, man spricht hier von der „Alles-oder-nichts-Schwelle“, kommt es zu einer kurzzeitigen elektrischen Welle, die das Neuron durchströmt. Diese wird Aktionspotenzial genannt. Über diese Aktionspotenziale vermitteln Nerven ihre Botschaften. Ein Aktionspotenzial entspricht einer einzelnen Nachricht. Die entsprechende Botschaft, die über einen Nerv zum Rückenmark geleitet wird, lautet zunächst lediglich: „Achtung, mögliche Gefahr!“, noch nicht Schmerz. Ob es sich tatsächlich um eine Gefahr für den Organismus handelt, die mit einem Schmerzsignal beantwortet wird, entscheiden die entsprechenden Strukturen im Gehirn.

Kommt die „Schadensmeldung“ im Rückenmark an, löst sie im Spalt (Synapse) zwischen dem Ende des ersten Neurons und den benachbarten Neuronen (die zum Gehirn führen) die Ausschüttung chemischer Stoffe aus. Hat das Erregungsniveau des zweiten Neurons einen kritischen Wert erreicht (s.o.), wird ein Aktionspotenzial ausgelöst, und das zweite Neuron leitet die Nachricht weiter zum Gehirn, wo sie entschlüsselt, bewertet und beantwortet wird.

Dem Gehirn kommt dabei die Funktion der zentralen, dem Rückenmark lediglich die der regionalen Kontrollstelle zu, d.h. treffen zwei Nervenbahnen aufeinander: eine aufsteigende Schmerzbotschaft vom Rückenmark und eine absteigende Handlungsanweisung vom Gehirn, so kann letztere die aufsteigende Bahn außer Gefecht setzen, indem sie die Ausschüttung von Endorphinen (körpereigene Opioide) veranlasst und damit die Menge ankommender Alarmsignale reduziert, was zur Verringerung der Schmerzwahrnehmung führt. Hier setzt die Schmerztherapie an.

Bei der Reaktion auf eingehende Botschaften bedient sich das Gehirn diverser Systeme, um dem Organismus bei der Bewältigung akuter Schwierigkeiten zu helfen. Dazu zählen das sympathische und das parasympathische Nervensystem, das motorische System, das Endokrinum, das Schmerzproduktions- und das Immunsystem.

Die Gehirnregion, die als erste von der potenziellen Bedrohung in der Peripherie erfährt, ist der Thalamus. Er befindet sich im Zwischenhirn und besteht hauptsächlich aus grauer Substanz mit hoher Neuronendichte, die wiederum in rund 200 Kerngebiete (Thalamuskerne) unterteilt ist. Sämtliche relevanten Informationen, z.B. aus der Umwelt, gelangen über aufsteigende Nervenbahnen zu den Thalamuskernen. Dort werden sie gesammelt, miteinander verschaltet und entsprechend verarbeitet, bevor sie über Projektionsbahnen zur Großhirnrinde (Cortex) weitergeleitet werden, wo sie in bewusste Empfindungen umgewandelt werden. Um das Bewusstsein vor einer Reizüberflutung zu bewahren, wirkt der Thalamus wie ein Filter, weshalb er auch „Tor des Bewusstseins“ genannt wird. Hier entscheidet sich, welche Informationen ins Bewusstsein gelangen und welche nicht.

Der Thalamus ist u.a. zuständig für die Schmerzwahrnehmung. Zusammen mit Hippocampus, Corpus amygdaloideum (Mandelkern) und Teilen des Hypothalamus gehört er zum limbischen System, einer funktionellen Einheit, die sich aus Teilen des Groß-, Zwischen- und Mittelhirns zusammensetzt. Hier ist die Wiege der Gefühle und der emotionalen Reaktionen. In dieser Hirnregion findet die emotionale Bewertung des Schmerzes statt, z.B. die Angst vor dem Schmerz. Das weniger hoch entwickelte Stammhirn dagegen ist für die Steuerung lebenswichtiger Basisfunktionen wie Herzschlag, Blutdruck, Atmung und bestimmte essenzielle Reflexe zuständig wie das Wegziehen der Hand von der heißen Herdplatte. 
Der Hypothalamus befindet sich unterhalb des Thalamus, er bildet den untersten Abschnitt des Zwischenhirns und ist an der Steuerung zahlreicher physischer und psychischer Vorgänge beteiligt. Wird dem Hypothalamus eine ernst zu nehmende Bedrohung gemeldet, so wird die Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinden-Achse aktiviert, ein körpereigener Schutzmechanismus, der eine Kaskade chemischer Reaktionen auslöst, ähnlich dem Dominoeffekt. Zunächst setzt der Hypothalamus ein Hormon mit der Bezeichnung Corticotrophin-Releasing-Factor (CRF) frei, das zur Hypophyse (Hirnanhangdrüse) transportiert wird. Dort wird das Adrenocorticotrope Hormon (ACTH) ausgeschüttet und über die Blutbahn zu den Nebennieren befördert, was wiederum dazu führt, dass die Stresshormone Cortisol und Adrenalin freigesetzt werden. Die beiden Hormone sorgen dafür, dass der Organismus innerhalb kürzester Zeit in die Lage versetzt wird, sämtliche Energiereserven zu mobilisieren, um der gemeldeten Gefahr adäquat begegnen zu können. Atmung und Herzschlag werden beschleunigt, die Blutgefäße im Verdauungstrakt ziehen sich zusammen, sodass mehr Blut in die Arm- und Beinmuskulatur gepumpt werden kann, und das Immunsystem arbeitet weniger effektiv. All diese Vorgänge dienen dazu, im Falle einer akuten Gefährdung möglichst schnell reagieren zu können. Normalerweise folgt auf einen vorübergehenden Zustand höchster Anspannung eine längere Phase der Entspannung. Leidet ein Mensch unter chronischen Schmerzen, erfolgt dagegen keine Entwarnung: Der akute Stress wird zum Dauerstress, was Körper und Psyche gleichermaßen beeinträchtigt. So schwächt langanhaltender negativer Stress das Immunsystem, belastet das Herz-Kreislauf-System, zerstört Gedächtniszellen, trägt zur Bildung von gesundheitsschädlichem Bauchfett bei, führt zu Schlafstörungen und begünstigt die Entstehung chronischer Krankheiten wie Krebs, Depressionen, Diabetes mellitus, rheumatoide Arthritis und Demenz, um nur einige zu nennen. (2)

Zu den Stoffen, die der Organismus im Falle einer akuten Bedrohung ausschüttet, gehören auch körpereigene Opioide, die Endorphine. Diese wirken nicht nur schmerzlindernd, sondern sie regen auch die Ausschüttung von Dopamin an, einem Neurotransmitter mit euphorisierender Wirkung, was dazu führt, dass Schmerzen oft erst mit Verzögerung wahrgenommen werden.

Das Schmerzgedächtnis

Um schneller und effektiver auf eine potenzielle Bedrohung reagieren zu können, speichert das Gehirn schmerzhafte Erfahrungen aus der Vergangenheit ab. Wenn sich eine solche Erfahrung wiederholt, erinnert sich das Gehirn augenblicklich an das frühere schmerzhafte Erlebnis und stuft die neuerliche Bedrohung als schwerwiegender ein. Die Schmerzschwelle wird herabgesetzt mit dem Resultat verstärkter Schmerzwahrnehmung. Es findet eine Sensibilisierung bezüglich dieses potenziellen Schmerztriggers statt. In der Konsequenz verbindet der Betroffene sämtliche Situationen, in denen der Schmerz jemals aufgetreten ist, unwillkürlich mit dem Schmerzerlebnis, was zu einer negativen Erwartungshaltung führt, die ohne nozizeptive Aktivitäten zum Auftreten von Schmerzen führen kann. Man spricht hier von Antizipation oder von antizipatorischen Ängsten. Allein der Gedanke an das Auftreten des gefürchteten Schmerzes kann ausreichen, um ihn auszulösen. Man könnte hier von einem Nocebo-Effekt sprechen. Im Gegensatz zum Placebo-Effekt wirkt sich die innere Überzeugung, dass der Schmerz unweigerlich wiederkommen wird, entsprechend negativ auf den Heilungsprozess aus: Der Schmerz wird geradezu heraufbeschworen. Negative Gedanken fungieren in diesem Fall als Nervenimpulse. Auch das ist ein wichtiger Anhaltspunkt für eine ganzheitliche Schmerztherapie.

Vom akuten zum chronischen Schmerz

Während akute Schmerzen ein Symptom mit Warn- und/oder Schutzfunktion darstellen, haben anhaltende oder periodisch wiederkehrende Schmerzen den Stellenwert einer chronischen Krankheit. Sie beeinträchtigen den Alltag der Betroffenen mitunter massiv und wirken sich in vielen Fällen negativ auf die Lebensqualität aus. Typische Beispiele chronischer Schmerzen sind Rücken-, Nerven-, Kopf-, Arthrose-, Tumor- und Phantomschmerzen. Es kann sich dabei um einen Dauerschmerz oder um rezidivierende Schmerzen handeln. Chronische Schmerzen können nozizeptiven Charakter haben, d.h. es liegt eine Gewebeschädigung vor wie beim Tumor- oder Arthroseschmerz, häufig jedoch verspürt der Patient wiederkehrende oder persistierende Schmerzen ohne Verletzung oder Gewebeschädigung: Der Schmerz führt ein Eigenleben und hat seine Signalfunktion zumindest auf körperlicher Ebene verloren. Aus psychologischer Sicht wird angenommen, dass der chronische Schmerz eine Stellvertreterfunktion für ein seelisches Leiden einnimmt, welches der Betroffene verdrängt und/oder tief in seinem Inneren vergraben hat, da es zu schmerzhaft für ihn wäre, es erneut ins Bewusstsein zu holen. In diesem Fall signalisiert der Schmerz, dass es ein verborgenes, seelisches Problem gibt, das aus dem Unterbewussten ins Bewusstsein geholt und bearbeitet werden sollte. Erst dann kann der körperliche Schmerz zur Ruhe kommen und sich für immer verabschieden. Egal, ob akut oder chronisch, Schmerzen haben immer eine Signalfunktion: Sie fordern den Betroffenen zum Handeln auf.

Der Chronifizierung akuter Schmerzen ohne Nozizeption liegt in der Regel eine Funktionsveränderung des körpereigenen Alarmsystems zugrunde. Es reagiert überempfindlich und unverhältnismäßig – „schießt mit Kanonen auf Spatzen“. Ein ähnliches Phänomen stellen Autoimmunerkrankungen dar: Auch hier beantwortet der Organismus einen vergleichsweise harmlosen Reiz wie Tierhaare oder Pollen mit einer Kaskade überschießender Abwehrreaktionen. Auch in diesem Fall stuft das Gehirn eine Situation als wesentlich bedrohlicher ein, als sie tatsächlich ist. Ein an sich lebensrettender Mechanismus, den Organismus vor potenziellen Gefahren zu schützen, wird in beiden Fällen ad absurdum geführt. Sowohl bei der Chronifizierung von Schmerzen als auch bei Autoimmunkrankheiten richtet der Körper seine Waffen gegen sich selbst.

Besteht eine erhöhte Alarmbereitschaft, so passt sich das Nervensystem innerhalb kürzester Zeit den veränderten Bedingungen an, das heißt, die Neuronen erhöhen kurzfristig ihre Sensibilität für ankommende chemische Stoffe, wodurch sich die Arbeitsweise der Sensoren verändert: Jedes Mal, wenn sie sich öffnen, bleiben sie etwas länger geöffnet, was zur Folge hat, dass mehr Ionen einströmen können: Das Alarmsystem reagiert noch effektiver. Eine wahre Flut sensibilitätsverstärkender Chemikalien überschwemmt die Synapsen.

Von Hyperalgesie spricht man, wenn Reize, die vorher nur leichte Beschwerden ausgelöst haben, nun zu starken Schmerzen führen. Als Allodynie bezeichnet man das Phänomen, wenn Reize, die bislang keine Schmerzen zur Folge hatten, nun plötzlich schmerzhafte Reaktionen nach sich ziehen. Beide Reaktionen deuten auf eine erhöhte Empfindlichkeit des Nervensystems hin. Im Endeffekt kann bereits eine leichte Berührung der Haut oder eine geringfügige Temperaturveränderung ausreichen, um dem Gehirn zu suggerieren, dass hier eine dramatische Gefahrensituation vorliegt, die mit entsprechenden Schmerzen beantwortet werden muss.

Eine erhöhte Alarmbereitschaft des Nervensystems ist fast immer das Hauptmerkmal bei chronischen Schmerzen. Stressreduzierende Maßnahmen können hier sehr wirksam sein (siehe oben).

Ein weiteres Charakteristikum chronischer Schmerzen, vor allem dann, wenn ihnen keine Gewebeschädigung zu Grunde liegt, ist ihre Unberechenbarkeit. Der Grund dafür ist, dass sie in der Regel nicht monokausal sind, sondern durch viele unterschiedliche Faktoren hervorgerufen werden. Diese Unberechenbarkeit mit zum Teil längeren schmerzfreien Intervallen ist ein deutlicher Hinweis auf ein sensibilisiertes Alarmsystem. Eine mögliche Ursache können emotional traumatisierende Ereignisse in der Vergangenheit sein, beispielsweise in der frühen Kindheit, die bis in die Gegenwart hineinwirken, dem Betroffenen aber nicht bewusst sind (siehe oben).

Das Fatale chronischer Schmerzen besteht darin, dass der Organismus versucht, das bewährte Muster akuter Schmerzbewältigung auch bei anhaltenden Schmerzen beizubehalten, d.h. Stressreaktion mit Beschleunigung zahlreicher körperlicher Funktionen und die Suche nach einfachen, schnellen und kurzfristigen Lösungen. Gelingt dies nicht, führt der daraus resultierende Dauerstress zu anhaltender Erschöpfung. Das Erfolgserlebnis bleibt aus, der Schmerz hält an. Die Alarmbereitschaft des Schmerz-Systems erhöht sich, das Schmerzgedächtnis bildet sich aus. Der eigene Handlungsspielraum wird immer kleiner.

Im Falle akuter Schmerzen ist diese Reaktion sinnvoll, mitunter auch lebensrettend. Sobald die Bedrohung vorüber ist, lässt der Stress nach und der Parasympathikus sorgt für Entspannung. Das Problem chronischer Schmerzen ist, dass der sympathikotone Zustand anhält: Es erfolgt keine Entspannung. Hinzu kommt die häufige Kopplung von Schmerz und Angst vor dem Schmerz, wodurch der Stress für Körper und Seele chronisch wird. Auch wenn der Schmerz gerade nicht wahrgenommen wird, ist dennoch die Angst vor seinem neuerlichen Auftreten spürbar. Der Patient empfindet entweder Schmerz oder Angst vor dem Schmerz.

Individuelles Schmerzerleben und Homöopathie

Bezüglich der Schmerzempfindung unterscheidet die Schulmedizin zwei grundsätzliche Qualitäten: die affektive und die sensorische. Die affektive Schmerzqualität drückt das subjektive Erleben des Schmerzes aus. Sie besagt, wie der Einzelne seine Schmerzen wahrnimmt, wie tief seine Verzweiflung dabei ist. So werden Schmerzen beispielsweise als quälend, marternd, lähmend oder zerstörerisch bezeichnet. Bei der sensorischen Schmerzqualität geht es um die Art des Schmerzes. Hier beschreibt der Betroffene, wie sich der Schmerz an sich anfühlt, z.B. stechend, drückend, brennend, klopfend, pulsierend, bohrend, dumpf, hell oder ziehend.

An dieser Stelle möchte ich den Bogen zur Klassischen Homöopathie und der Empfindungsmethode Rajan Sankarans spannen. Sowohl in der Beschreibung der affektiven als auch der sensorischen Schmerzqualität drückt sich das individuelle Erleben des Schmerzes aus. Spricht ein Patient beispielsweise davon, dass er sich von seinem Schmerz gequält und gepeinigt fühlt und nimmt er dabei die Opferrolle ein, während der Schmerz als Feind oder Aggressor wahrgenommen wird, so haben wir einen deutlichen Hinweis auf das Tierreich. Vermutlich braucht der Betroffene ein tierisches Arzneimittel. Dazu das Beispiel einer 50-jährigen Fibromyalgie-Patientin mit Chronic-Fatique-Syndrom (CFS), die ihren Schmerz mit folgenden Worten beschreibt: „Mein Schmerz ist ein Terrorist, er wählt strategische Ziele, verletzt mich mit Guerilla-Taktiken, völlig gewissenlos, eine fremde Macht, im Tarnanzug unterwegs, die hier und dort zuschlägt und die mir Angst macht. Mein Schmerz repräsentiert die furchtbare Achse des Bösen, und meine Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinden-Achse lebt in Angst und Schrecken. Er greift an, zieht sich zurück, greift wieder an – ein Söldner.“ (3) Hier sehen wir ganz deutlich, wie die Patientin ihren Schmerz personalisiert, zum heimtückischen Feind erklärt, der sie immer wieder völlig unerwartet attackiert. Die Opfer-Täter-Thematik tierischer Arzneimittel tritt bei diesem Beispiel deutlich zu Tage. Man könnte an ein Schlangenmittel aus der Familie der Crotalinae denken. Diese Spezies greift ohne Vorwarnung und äußerst effektiv und vernichtend aus dem Hinterhalt an und zieht sich anschließend wieder ins sichere Versteck zurück.

Für einen mineralischen Menschen hingegen würde der Schmerz eher ein Strukturproblem darstellen. Es ginge um das Bewusstsein mangelnder Fähigkeiten und Kompetenzen im Umgang mit dem Schmerz. Der Betroffene hätte das tief empfundene Gefühl, dem Schmerz nichts entgegensetzen zu können, nicht zu wissen, wie er dem Schmerz effektiv begegnen soll. Das größte Problem wäre die Empfindung, nichts gegen den Schmerz in der Hand zu haben, nichts unternehmen zu können, macht- und hilflos zu sein. Der eigene Mangel stünde hier im Vordergrund.

Bei einem Patienten, dessen Heilmittel pflanzlichen Ursprungs ist, geht es mehr um die sensorische Schmerzqualität. Hier wird der Schmerz nicht als Aggressor empfunden, er selbst sieht sich nicht als Opfer, und es geht auch nicht um ein Strukturproblem, sondern vielmehr um eine grundsätzliche Empfindlichkeit und Empfänglichkeit auf das, was von außen auf ihn einwirkt. Hier spielt oft die Wahrnehmung der sensorischen Schmerzqualität eine wichtige Rolle: Bei den Ranunculaceen (Hahnenfußgewächse) beispielsweise werden die Schmerzen als scharf, stechend, wie ein Dolchstoß oder wie elektrische Schläge beschrieben. Die Schmerzempfindung der Rosaceen (Rosengewächse) hingegen hat eine ganz andere Qualität, sie wird mit den Worten „gequetscht“, „herausgedrückt“, „(heraus)gepresst“ und „herausschießend“ wiedergegeben. Die Hamameliden (Zaubernussähnliche) wiederum werden in Verbindung gebracht mit der Empfindung „komprimiert“, „zusammengedrückt“ und „schwer“. Bei den Pilzen (Fungi) haben wir es mit Patienten zu tun, die ihre Schmerzen als fressend, nagend, erodierend, zersetzend, penetrierend, durchdringend und geschwürig bezeichnen. Zur Rechtfertigung einer Pflanzenverschreibung muss die entsprechende Empfindung auch auf anderen Ebenen geäußert werden, nicht nur beim Schmerz. Häufig sprechen Pflanzenpatienten während der Anamnese in Gegensatzpaaren. Da wo Schwere ist, findet man auch Leichtigkeit. Dort, wo es um die Empfindung „zusammengezogen“ oder „kontrahiert“ geht, tauchen auch die Begriffe „Ausdehnung“, „größer werden“ oder „unbegrenzt“ auf.

Es ist also durchaus möglich und sinnvoll, von der empfundenen Schmerzqualität auf das passende Heilmittel zu schließen. Voraussetzung ist allerdings, dass der Patient dazu in der Lage ist, seine individuelle Wahrnehmung in Worte zu fassen. Eine Alternative wäre es, ihn zu ermuntern, ein Bild zu malen, wenn ihm diese Ausdrucksform leichter fällt.

Sankarans Miasmen und die Tiefe des Erlebens

Im Ausdruck der affektiven Schmerzqualität wird auch deutlich als wie schwerwiegend der Betroffene seinen Schmerz empfindet, sodass wir einen Bezug zu den Miasmen Sankarans herstellen können. Rajan Sankaran unterscheidet zehn verschiedene Miasmen (Akut, Typhus, Psora, Ringworm, Malaria, Sykose, Krebs, Tuberkulose, Lepra und Syphilis), die darüber Auskunft geben, als wie intensiv, tief, hoffnungslos und verzweifelt der Patient seine Situation erlebt. Bei den Miasmen, die links von der Sykose angeordnet sind (Akut, Typhus, Psora, Ringworm und Malaria) wird die Lage als hoffnungsvoller und weniger verzweifelt empfunden als bei den Miasmen auf der rechten Seite (Krebs, Tuberkulose, Lepra und Syphilis). Die Sykose liegt genau in der Mitte, hier besteht zwar wenig Hoffnung auf Genesung, es droht jedoch auch keine Lebensgefahr.

Das akute Miasma

Braucht der Patient ein Mittel aus dem Akut-Miasma, so empfindet er seine Schmerzen als plötzliche, intensive Bedrohung. Es geht um Leben oder Tod. Die Schmerzen kommen aus heiterem Himmel, sind in der Regel von kurzer Dauer und enden ebenso plötzlich wie sie erschienen sind. Heftige akute Schmerzen wären ein typisches Beispiel für dieses Miasma. Aber auch chronische oder rezidivierende Schmerzen können im Sinne des Akut-Miasmas wahrgenommen werden, z.B. plötzlich einschießende Nervenschmerzen ohne Vorankündigung. Der Betroffene reagiert mit Panik oder Schock, gefolgt von Fluchtgedanken oder Starre.

Arzneimittel aus dem Akuten Miasma: Aconitum, Belladonna, Campher, Morphinum, Stramonium, Veratrum album

Das psorische Miasma

Ein psorischer Patient geht mit Zuversicht und Optimismus an seine Schmerzen heran. Sie beeinträchtigen ihn kaum in seinem täglichen Leben, und er hat keinen Zweifel daran, dass sie wieder vergehen werden, bzw. dass er damit adäquat umgehen kann. Er ist der festen Überzeugung, dass er es schaffen wird, des Problems mit einiger Anstrengung Herr zu werden. Die Schmerzintensität ist eher gering. Seine Reaktion auf den Schmerz ist ein ständiges Bemühen um Linderung bzw. Genesung.

Arzneimittel aus dem Psorischen Miasma: Calcium carbonicum, Graphites, Lycopodium, Kalium carbonicum, Sulphur

Das Typhus-Miasma

Beim Typhus-Miasma handelt es sich um eine Kombination aus akutem und psorischem Miasma. Bezogen auf die Schmerzwahrnehmung heißt das: Der Betroffene erlebt seine Schmerzen als akute Krise mit einem Anfang und einem Ende. Die Schmerzen setzen plötzlich und intensiv ein, sie sind unberechenbar, erzeugen die typischen Akut-Reaktionen wie Panik und Schock mit Starre oder Fluchtgedanken. Der Patient hat das Verlangen, aktiv gegen den Schmerz vorzugehen, was eine kurze, aber heftige Anstrengung erfordert, doch dann verschwindet der Schmerz wieder. Es handelt sich um periodisch wiederkehrende Schmerzattacken mit komplett schmerzfreien Intervallen. Die Schmerzintensität ist zwar heftig, die Haltung zum Schmerz aber hoffnungsvoll, fast kindlich naiv. Ein typisches Beispiel für ein derartiges Schmerzgeschehen wäre eine zyklusabhängige Migräne, die lediglich einmal im Monat vor der Periode auftritt, die Patientin aber während der übrigen Zeit in keiner Weise beeinträchtigt. Das Empfinden im Typhus-Miasma lautet: „Wenn ich es nur schaffe, durch diese Krise hindurchzukommen, habe ich es geschafft und kann mich ausruhen.“ (4)

Arzneimittel aus dem Typhus-Miasma: Bryonia, Carbo vegetabilis, Hyoscyamus, Nux vomica, Rhus toxicodendron

Das sykotische Miasma

Der sykotische Patient hat eine resignative Haltung seinem Schmerz gegenüber. Er hat sich damit abgefunden, dass er den Schmerz wohl nicht mehr loswerden wird und richtet sein Leben entsprechend ein. Seine innere Einstellung lautet: Ich kann es nicht ändern, also muss ich es wohl oder übel akzeptieren und fortan damit leben. Dabei vermeidet er geflissentlich alle Situationen, die den Schmerz auslösen oder verstärken könnten, was seinen Handlungsspielraum immer mehr einschränkt – ein typisches Reaktionsmuster vieler Patienten mit chronischen Schmerzen. Charakteristisch für das sykotische Miasma sind antizipatorische Ängste. Der Patient ist fixiert auf seinen Schmerz: Angst und Vermeidungshaltung stehen im Mittelpunkt.

Arzneimittel aus dem Sykotischen Miasma: Calcium bromatum, Causticum, Gelsemium, Lac felinum, Medorrhinum, Pulsatilla, Silicea, Thuja

Das Ringworm-Miasma

Beim Ringworm-Miasma haben wir es mit einer Kombination aus psorischem und sykotischem Miasma zu tun. Die Schmerzintensität ist nicht besonders groß, und es herrscht keine Hoffnungslosigkeit oder gar Verzweiflung vor. Typisch ist der Wechsel aus optimistischer und resignativer Haltung: Einmal ist sich der Betroffene sicher, dass er den Schmerz überwinden wird und er unternimmt gezielte Anstrengungen in diese Richtung, dann aber gibt er resigniert auf und fügt sich in sein vermeintliches Schicksal. Der sykotische Teil akzeptiert die Schmerzen, der psorische lehnt sich dagegen auf und versucht sie zu bewältigen. Im Gegensatz zum akuten Miasma geht es hier nicht um Leben oder Tod, der Schmerz wird eher als unangenehm und lästig, nicht aber als lebensbedrohlich empfunden. Der typische Ringworm-Patient fängt immer wieder eine neue Therapie an, um sie kurze Zeit später wieder zu beenden, weil er an ihrem Erfolg zweifelt, doch er gibt nie völlig auf.

Arzneimittel aus dem Ringworm-Miasma: Calcium silicatum, Calcium sulphuricum, Kalium sulphuricum, Lac humanum, Sarsaparilla

Das Malaria-Miasma

Das Malaria-Miasma vereint akute und sykotische Anteile. Der Patient fühlt sich von seinem Schmerz attackiert, angegriffen und gequält, was ihn in seinem täglichen Leben stark einschränkt und behindert. Er hat das Gefühl, in seinem „Schmerzkarussell“ festzustecken, sieht keinen Ausweg aus dem Dilemma. Er fühlt sich vom Unglück verfolgt, jammert und lamentiert. Typisch für das Malaria-Miasma sind periodisch wiederkehrende heftige Schmerzattacken mit unberechenbarem Verlauf wie Neuralgien, Migräne, Gelenkbeschwerden, anfallsartige Magenschmerzen etc. Die Schmerzen setzen unvermittelt und mit großer Intensität ein, versetzen den Betroffenen in Panik, halten für eine gewisse Zeit an und ziehen sich dann wieder zurück. Im Gegensatz zum Typhus-Miasma empfindet der Betroffene die Zeitspanne zwischen den Schmerzattacken allerdings nicht als Entspannung. Der sykotische Anteil sorgt dafür, dass die schmerzfreie Zeit geprägt ist von antizipatorischen Ängsten und einer zwanghaften Vermeidungshaltung: Alles, was eine neuerliche Attacke antriggern könnte, wird tunlichst unterlassen. Der Schmerz hat den „Malaria“-Patienten fest im Griff.

Arzneimittel aus dem Malaria-Miasma: Chelidonium, China, Colocynthis, Dioscorea, Natrium muriaticum, Spigelia

Das Krebs-Miasma

Schmerzpatienten, die ein Arzneimittel aus dem Krebs-Miasma benötigen, haben das starke Verlangen, alles unter Kontrolle haben zu müssen: ihr Leben und den Schmerz. Dabei überfordern sie sich permanent und gehen bis an ihre Belastungsgrenze, aus Angst, das Chaos würde sich ihrer bemächtigen. Mit aller Kraft wehren sie sich dagegen, dass der Schmerz die Oberhand gewinnt. Sie empfinden ihre Schmerzen als destruktiv, ihre Lage als verzweifelt und nahezu hoffnungslos. Meist handelt sich bei diesen Menschen um Perfektionisten, die nichts dem Zufall überlassen können.

Arzneimittel aus dem Krebs-Miasma: Arsenicum, Carcinosinum, Ignatia, Nitricum acidum, Opium, Staphisagria

Das tuberkulinische Miasma

Das tuberkulinische Schmerzempfinden ist geprägt von Zeitdruck und Hektik. In blindem Aktionismus versucht der Betroffene alles Mögliche, um den Schmerz so schnell wie möglich loszuwerden. Wie ein Getriebener kämpft er unermüdlich gegen „Windmühlen“. Die Schmerzintensität ist groß, ebenso die Verzweiflung. Der Patient fühlt sich stark unter Druck gesetzt, hat das Gefühl, dass ihm kaum noch Zeit bleibt, um den Schmerz zu besiegen. Er ist ausgebrannt, hat kaum noch Energie.

Arzneimittel aus dem tuberkulinischen Miasma: Apis, Aranea diadema, Iodium, Mygale, Phosphor, Tarentula, Tuberkulinum

Das Lepra-Miasma

Im Lepra-Miasma sind Schmerzintensität und Verzweiflung sehr stark ausgeprägt. Die Betroffenen haben kaum Hoffnung auf Genesung oder Schmerzlinderung. Sie leben in ständiger Sehnsucht nach Veränderung ihres qualvollen Zustandes, ohne an eine Lösung ihres Problems zu Glauben. Die Folge sind mitunter Selbstmordgedanken. Hinzu kommt, dass sich diese Patienten isoliert und ausgegrenzt fühlen. Sie geben sich selbst die Schuld an ihrem Zustand und hassen sich dafür. Schlussendlich geben sie sich selbst auf. Der chronische Schmerz treibt sie in die Depression.

Arzneimittel aus dem Lepra-Miasma: Cicuta virosa, Curare, Hura brasiliensis, Lac defloratum, Mandragora, Secale cornutum

Das syphilitische Miasma

Menschen, deren Heilmittel aus dem syphilitischen Miasma stammt, empfinden ihren Schmerz als so vernichtend, dass sie sich ein weiteres Leben mit diesem Schmerz nicht vorstellen wollen oder können. Sie leiden extrem unter ihren Schmerzen, haben keinerlei Hoffnung auf Hilfe oder Genesung, sind vollkommen verzweifelt, bereit ihr Leben zu beenden. Doch bevor sie das tun, unternehmen sie einen letzten verzweifelten Versuch, das Ruder noch einmal herumzureißen, sie sind der „Kapitän eines sinkenden Schiffes“, halten die Stellung, obwohl es keine Rettung mehr gibt.

Arzneimittel aus dem syphilitischen Miasma: Aurum, Cenchris contortrix, Lachesis, Mercurius, Plumbum, Plutonium, Syphilinum

Die beiden Autoren David S. Butler und G. Lorimer Moseley (5) unterscheiden zwei Schmerztypen, die auch in Hinblick auf die Miasmenzuordnung interessant sind. Typ 1 entspricht dem sykotischen Miasma: Er neigt zur Unterforderung, vermeidet alles, was den Schmerz auslösen könnte und geht in die Passivität, ist pessimistisch und resignativ. Die Toleranzschwelle wird dabei immer niedriger. Typ 2 tendiert dazu, die Zähne zusammenzubeißen und durchzuhalten, selbst wenn es äußerst schmerzhaft ist. Dieser Typ hat einen Hang zur Überforderung und ignoriert die Signale seines Körpers. Die Betroffenen sind oft Leistungsmenschen und Perfektionisten. Hier könnte man an das Krebs-Miasma denken: Sich permanent überfordern, bis an die Grenzen gehen und alles im Griff haben wollen.

Fazit

Neben Lokalisation und Modalitäten kann die individuelle Schmerzempfindung entscheidend dazu beitragen, das passende Heilmittel für den Patienten zu finden. Gerade in der persönlichen Wahrnehmung und Empfindung von Schmerzen sowie in der Reaktion darauf, finden wir das Besondere und Individuelle, dass uns die Arzneimittel voneinander unterscheiden lässt. Optimismus und Zuversicht auf der einen Seite sowie Hoffnungslosigkeit und totale Verzweiflung auf der anderen führen uns zum Miasma, was wiederum ein wichtiger Schritt zur Ermittlung des Simillimums ist. Letztlich muss uns aber klar sein, dass das Arzneimittel, selbst wenn es gut gewählt ist, lediglich den Anstoß zur Heilung gibt. Wir dürfen dem Patienten die Verantwortung für seine Genesung nicht aus der Hand nehmen. Er darf sich nicht abhängig von unserem Geschick als Therapeuten wähnen, sondern muss stets das Gefühl haben, sein Leben selbst gestalten und aktiv gegen den Schmerz vorgehen zu können. Der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer sprach in diesem Zusammenhang von der „Freude des Gelingens“ (6).

Anmerkungen:

(1) Wiedemann, J.: Gesichter des Schmerzes. Vortrag auf der 24. Arbeitstagung des Wildunger Arbeitskreises für Psychotherapie „Gesichter der Menschlichkeit“. S. 1
(2) Gardner-Nix, J. / Costin-Hall, L.: Der achtsame Weg durch den Schmerz. Arbor Verlag. Freiburg i. Br. 2012. S. 95
(3) Gardner-Nix J. / Costin-Hall, L.: Der achtsame Weg durch den Schmerz. Arbor Verlag. Freiburg i. Br. 2012. S. 213
(4) Sankaran, R.: Intensivkurs Homöopathie. Narayana Verlag. Kandern. 2015. S. 503
(5) Butler, D.S. / Moseley, G. L.: Schmerzen verstehen. Springer Medizin Verlag. Heidelberg. S. 98
(6) Gadamer, H-G.: Schmerz. Einschätzungen aus medizinischer, philosophischer und therapeutischer Sicht. Universitätsverlag Winter. Heidelberg. 2010, S. 29

Dorit Zimmermann
von Dorit Zimmermann 17. November 2025
Zimmermann, Dorit: Kummermittel in der Homöopathie. Haug Verlag. Stuttgart, 2015 Zimmermann, Dorit: Wege aus der Schmerzspirale - mvg Verlag Zimmermann, Dorit: Kindersprechstunde bei Doktor Natur: Mit heimischen Kräutern Kinderkrankheiten vorbeugen und behandeln | Knaur MensSana HC Zimmermann, Dorit: Frauen-Heilkräuter: Wohlfühlen, gesund bleiben und heilen mit der Kraft heimischer Pflanzen Br | Knaur MensSana HC
Ausschnitt einer Mutter, die ihr Kind in ihrer Wohnung stillt
von Dorit Zimmermann 17. November 2025
Muttermittel in der Homöopathie Bei Menschen, die ein Muttermittel benötigen, liegt häufig eine Bindungsstörung in der frühen Kindheit vor, sodass sich das dringend erforderliche Urvertrauen in sich und das Leben nicht oder nur unzureichend ausbilden konnte. ((BU))
Nahaufnahme einer Waldameise
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Formica rufa, die Rote Waldameise, ist ein wichtiges Heilmittel bei rheumatischen Gelenkbeschwerden mit Besserung durch Wärme.
viele homöopathische Globuli, die von Hebammen verwendet werden.
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Grenzen der Homöopathie Die Homöopathie stößt dort an ihre Grenzen, wo eine Regeneration nicht mehr möglich ist. Wenn eine Krankheit bereits so weit fortgeschritten ist, dass eine Heilung ausgeschlossen ist, kann auch die Homöopathie nur noch palliativ, sprich lindernd wirken. Dies erleben wir beispielsweise bei schweren zerstörerischen Krankheiten wie Krebs. Aber auch ein amputiertes Bein kann selbst mit dem bestgewählten homöopathischen Mittel nicht mehr nachwachsen. Diese Fälle, so tragisch sie im Einzelnen auch sein mögen, sind nicht typisch für die tägliche Praxis. Grenzen des Homöopathen Viel häufiger erleben wir den Fall, dass der Therapeut selbst an seine Grenzen stößt, was nicht immer mit mangelnder Erfahrung zu tun hat. Auch versierte Homöopathen mit langjähriger gutgehender Praxis kommen oft nicht weiter, finden das passende homöopathische Mittel nicht. Auch dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Grenzen des Patienten Der Patient und das, was er dem Therapeuten erzählt, sind der Schlüssel zum Simillimum, sprich zum passenden Arzneimittel, welches den entscheidenden Anstoß zur Heilung gibt. Und hier liegt die Verantwortung des Patienten: Je genauer er sich beobachtet, in sich hineinblickt und je treffender die Worte sind, die er für seine Beschwerden wählt, desto leichter fällt es dem Therapeuten, eine Beziehung zwischen dem Leiden des Patienten und einem bestimmten Arzneimittel herzustellen. Andersherum formuliert muss man leider sagen, wenn der Patient aus welchen Gründen auch immer, die entscheidenden Symptome und Empfindungen für sich behält, hat der Homöopath wenig Chancen, das richtige Mittel zu finden. Auch das ist ein Lernprozess – so wie der Homöopath sein Handwerkszeug erlernen muss, so muss auch der Patient erst allmählich lernen, sich genau zu beobachten, in sich hineinzuspüren und das Empfundene in passende Worte zu kleiden. So gesehen ist die Homöopathie ein Weg, den Patient und Therapeut gemeinsam gehen. Das Ziel heißt Verstehen und letztlich Heilung. Je schwerwiegender ein Leiden ist, desto länger mag der Weg sein. In jedem Fall sind aber Vertrauen und Geduld erforderlich sowie eine realistische Vorstellung davon, was mit der Homöopathie erreicht werden kann und in welchem Zeitraum. Möglichkeiten der Homöopathie Unter Berücksichtigung der oben beschriebenen Sachverhalte sind die Möglichkeiten der Homöopathie grenzenlos. Jeder der bereits einschlägige Erfahrungen mit der Homöopathie gemacht hat, wird dies bestätigen.
Porträt eines nachdenklichen, traurigen Mädchens
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Hinter vielen körperlichen Symptomen verbirgt sich ein Kummer oder eine tiefe Traurigkeit. ((BU)) Differenzierung nach Reichen und Unterreichen Die Rubrik „Gemüt – Kummer, Trauer“ umfasst 149 Arzneien, die laut Prüfung oder klinischer Erfahrung einen mehr oder weniger deutlichen Bezug zu seelischem Schmerz haben. Das sind aber längst nicht alle Mittel, an die man bei einem „Kummerpatienten“ denken könnte oder müsste. Hilfreich sind hier weniger die allgemeinen Gemütsrubriken (1), sondern vielmehr ein differenzierter Blick auf die Individualität bzw. Besonderheit des betreffenden Patienten und die Kenntnis der Materia Medica auch „kleinerer“ Arzneien. Um die Auswahl der infrage kommenden Mittel sinnvoll eingrenzen zu können, hilft es, sich der Sensation-Methode Rajan Sankarans zu bedienen, welche allerdings ein jahreslanges Studium und viel Erfahrung erfordert. Hier eine kleine Auswahl weniger bekannter „Kummermittel“ aus unterschiedlichen Naturreichen. Viele Patienten kommen vordergründig wegen diverser, oft chronischer oder häufig wiederkehrender körperlicher Beschwerden in die homöopathische Praxis. Im Anamnesegespräch wird dann aber schnell klar, dass ein tiefer Kummer hinter dem physischen Leid steckt und dass dieser die eigentliche Pathologie darstellt: das zu Heilende. Die entsprechenden Gemütsrubriken wie „Kummer, Trauer“ oder „Beschwerden durch – Kummer“ sind sehr allgemein und schließen zahlreiche Mittel aus, die ich durchaus als „Kummerarzneien“ bezeichnen würde. In der umfassenden Rubrik „Gemüt – Kummer, Trauer“ fehlen beispielsweise sämtliche Lithium- und Beryllium-Verbindungen sowie die Lanthanide, die Muttermittel (siehe: comed Mai/2013) und die Schwäne. Das einzige enthaltene Milchmittel ist Lac-c., die Hundemilch. Ferner vermisse ich Mag-c., Mag-n., Aur-s., Hura, Elaps und Musca-d., um nur einige zu nennen. In der etwas kleineren Rubrik „Beschwerden durch Kummer“ mit 94 Mitteln, sind neben anderen auch Elaps und Hura aufgeführt. Rajan Sankaran warnt vor dem unkritischen Gebrauch von Gemütsrubriken, da diese, wie er sagt, „viel Spielraum für Interpretationen lassen“ (2) . Wichtig ist es daher, nach individuellen, eigentümlichen Symptomen zu suchen, die charakteristisch für den betreffenden Patienten, dessen Beschwerden und vor allem für dessen Reaktionsmuster sind, sprich für die Art und Weise, wie er sein Leid empfindet, wie er damit umgeht und wie er es in der Anamnese beschreibt. An dieser Stelle kann es sehr nützlich sein, neben der Klassischen Homöopathie, wie sie uns Samuel Hahnemann gelehrt hat, auf das Konzept der Sensation-Methode Sankarans zurückzugreifen, um der Individualität jedes einzelnen Patienten gerecht zu werden. Wer sich bei der Repertorisation von „Kummerpatienten“ zu sehr auf allgemeine Rubriken verlässt, der wird häufig bei den bewährten Polychresten wie Nat-m., Ign., Staph., Puls. oder Carc. landen und sich wundern, dass der gewünschte Heilerfolg ausbleibt. Die Sensation-Methode basiert auf der Klassischen Homöopathie Hahnemanns, hat diese aber um ein äußerst wertvolles Handwerkszeug erweitert: die Differenzierung nach Reichen und Unterreichen sowie einen komplexeren Umgang mit den Miasmen. Nach einer offenen Anamnese, bei der das Augenmerk neben den Fakten auf der Art und Weise liegt, wie sich der Patient ausdrückt, welche Worte und Handgesten er wählt und wie er sich dabei gibt, sprich wie lebendig oder zurückhaltend er agiert, folgt die Fallanalyse, wobei zunächst entschieden wird, aus welchem Naturreich das Arzneimittel stammen muss, das dem Patienten helfen soll. Wir unterscheiden hier im Wesentlichen zwischen Pflanzen-, Tier- und Mineralreich. Hinzu kommen noch Nosoden, Sarkoden und Imponderabilien. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich Empfindung und Ausdrucksweise der einzelnen Reiche gravierend voneinander unterscheiden. Ein „Pflanzenpatient“ ist extrem empfindlich auf Einflüsse, die von außen auf ihn einwirken, ein „Tierpatient“ dagegen ist geprägt von den Überlebensstrategien der Tierwelt. Hier geht es um das nackte Überleben: fressen oder gefressen werden, ich oder du. Einer ist der Täter, der andere das Opfer. Die Schuld wird in der Regel beim anderen gesucht. Mineralische Patienten wiederum empfinden einen Mangel an Fähigkeiten bei sich selbst, der sie daran hindert, ihren Alltag zu meistern. Sobald das Reich feststeht, geht es um die Wahl des Unterreiches: Bei den „Pflanzenpatienten“ wird ja nach Art der spezifischen Empfindung nach der passenden Pflanzenfamilie gesucht, für die es klare Kriterien gibt. Maßgeblich hierfür sind die Prüfungssymptome. Bei den „Tieren“ erfolgt die Differenzierung nach den in der Anamnese geäußerten Überlebensstrategien und Reaktionsmustern. Diese lassen sich einer bestimmten Tierfamilie zuordnen z.B. den Säugetieren, Mollusken, Vögeln oder Reptilien. Zur näheren Eingrenzung des passenden mineralischen Mittels, wobei häufig Mittelkombinationen (Salze) erforderlich sind, bedienen wir uns des Periodensystems bzw. dessen Interpretation nach Jan Scholten. Abschließend entscheiden Individualität und Besonderheit der Symptomatik, welches Mittel verordnet wird. Nach dieser kurzen, äußerst fragmentarischen Einführung in die Sensation-Methode dürfte klar geworden sein, auf welchem Wege die einzelnen „Kummermittel“ voneinander differenziert werden: Reich – Unterreich – Arzneimittel. Der Grund für diese spezielle Vorgehensweise liegt in der Erkenntnis, dass jeder Mensch eine Affinität zu einem bestimmten Naturreich hat. So ist es vorstellbar, dass drei verschiedene Patienten mit einer ganz ähnlichen Krankengeschichte in die Praxis kommen, wobei es jeweils um das Gefühl von Isolation, Einsamkeit, Missachtung und mangelnder Liebe geht. Alle drei leiden unter Schlafstörungen, depressiver Verstimmung und haben Verlangen nach Schokolade und salzigen Speisen. Dennoch empfindet und beschreibt der erste Patient seine Beschwerden „tierisch“, der zweite „pflanzlich“ und der dritte „mineralisch“. Wichtig ist, dass die Zuordnung nach einem Reich auf der tiefsten Ebene der Empfindung erfolgt, da gerade Erwachsene Anteile aus allen Reichen haben können, aber eben nur bis zu einer bestimmten Schicht. Sind wir mit der Anamnese an der Wurzel der Pathologie angekommen, kristallisiert sich ein bestimmtes Reich heraus. Gelingt es nicht, den Patienten während der Anamnese in die Vitalempfindung zu bekommen, was häufig geschieht, dann müssen wir offen sein für das, was der Patient uns liefert, wohin er uns führt. Ein auffallendes, einzigartiges Symptom, das wir so nicht erwartet hätten oder das wir bislang noch von keinem anderen Patienten gehört haben, kann uns ebenfalls auf die richtige Fährte bringen. Kummer – was ist das überhaupt? Aus Sicht der Psychologie versteht man unter Kummer Hoffnungs- und Hilflosigkeit. Weitere wichtige Empfindungen in diesem Zusammenhang sind seelischer Schmerz, Trauer, Traurigkeit, Enttäuschung, enttäuschte Liebe, ein Gefühl der Einsamkeit und Isolation sowie die Empfindung, nicht wahrgenommen oder abgelehnt zu werden – wertlos zu sein. Mineralreich Die Zuordnung mineralischer Mittel zu den Reihen und Spalten des Periodensystems stammt von dem holländischen Chemiker und Homöopathen Jan Scholten. Er hat den einzelnen Reihen (Perioden) und Spalten (Stadien) bestimmte Themen zugewiesen, die mit der menschlichen Entwicklung zu tun haben, auf die sich auch Rajan Sankaran und seine Schule beziehen. Lithium carbonicum (Lithiumkarbonat), Lith-c. Lithium carbonicum ist die Kombination dreier Elemente der zweiten Reihe des Periodensystems (Kohlenstoff-Serie), die entwicklungsgeschichtlich der Geburt zugeordnet wird. Lithium steht ganz links, in der ersten Spalte, Carbon (der Kohlenstoff-Anteil) genau in der Mitte: in Stadium 10 (3) und Oxygenium (der Sauerstoff-Anteil) im 16. Stadium, also relativ weit rechts (direkt über Sulphur). Bei diesem Salz haben wir es folglich nur mit einem Themenkomplex zu tun: Trennung und Eigenständigkeit, welcher aus drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Lithium entspricht einem sehr primitiven Entwicklungsstadium: An eine mögliche Trennung (von der Mutter oder einer anderen Bezugsperson) ist noch gar nicht zu denken, sie ist unvorstellbar. Bei Carbon, in der Mitte der Reihe, ist sich der Patient bereits darüber im Klaren, dass die Geburt und damit die Trennung unmittelbar bevorstehen. Die entscheidende Frage dabei lautet: Werde ich es schaffen, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, auf eigenen Füßen zu stehen? Oxygenium schließlich entspricht dem Zustand kurz nach der Entbindung, wenn das Baby die Enge des Geburtskanals bereits hinter sich gelassen hat und den ersten selbstständigen Atemzug tun muss: Das Kind ist geboren, hat die schützende Umgebung des Mutterleibs verlassen und muss nun allein zurechtkommen. Nicht nur homöopathisch, sondern auch allopathisch ist Lithiumkarbonat ein wichtiges Mittel zur Behandlung von Kummer und Traurigkeit, vor allem bei manisch-depressiven Erkrankungen. Im Falle psychogener Depressionen oder depressiver Traurigkeit im Rahmen einer Neurose ist die Behandlung mit Lithium dagegen wirkungslos. Rajan Sankaran beschreibt den Fall eines 51-jährigen Mannes, der phasenweise unter Depressionen mit Suizidgedanken litt. Seine Worte weisen eindeutig auf die linke Seite der zweiten Reihe hin: „Ich ziehe mich in meine Hülle zurück, möchte mich selbst vor der Welt verschließen.“ Immer wieder spricht der Patient davon, dass er sich der Welt nicht stellen, sich in eine schützende Hülle zurückziehen und am liebsten im Bett bleiben will: „fast wieder in den Mutterleib zurück“. Er sagt: „Ich gehe in eine Hülle, will niemanden treffen und mit niemand reden.“ (4) Die zentrale Empfindung dieses Patienten, der noch nicht im Leben angekommen ist, lautet: Ich möchte mich in eine schützende Hülle zurückziehen, um mich der feindlichen Welt nicht stellen zu müssen. Er fühlt sich den Anforderungen des täglichen Lebens nicht gewachsen, hält sich für unzulänglich. Seine Krankengeschichte begann, als er von seinen Eltern in ein Internat geschickt wurde. Dort hatte er das Gefühl, die häusliche Sicherheit eingebüßt zu haben. Seine Empfindung damals war es, die Behaglichkeit des Mutterleibs verloren zu haben und fortan allein existieren zu müssen. Ein weiterer Aspekt von Lithium carbonicum ist der niedrige bzw. schwankende Selbstwert. Aufgrund ihrer Unsicherheit halten sich Lithium-carbonicum-Patienten an das Bewährte: Neues und Unbekanntes ist ihnen suspekt. Alle Lithium-Verbindungen haben Furcht vor fremden Menschen, so auch Lithium carbonicum. Die Betroffenen brauchen Sicherheit und Verlässlichkeit, um ihre innere Unsicherheit zu kompensieren. Dabei können sie impulsiv und wankelmütig sein: Kommt ihnen eine Idee, muss diese sofort in die Tat umgesetzt werden. Stellt sich der gewünschte Erfolg jedoch nicht umgehend ein, dann wird die ganze Aktion abrupt eingestellt, und die Betroffenen verfallen in Lethargie. Charakteristisch bei diesem Arzneimittel ist der rasche Wechsel zwischen Arbeitswut und totaler Erschöpfung. Dabei sind die Betroffenen zwanghaft perfektionistisch. Sie glauben, ihren Selbstwert durch entsprechende Leistungen verbessern zu können bzw. zu müssen und stellen deshalb besonders hohe Ansprüche an sich. Auch haben sie das Verlangen, alles mehrfach zu kontrollieren. Ihr Selbstbild stimmt häufig nicht mit der Realität überein, was auf Dauer frustrierend für sie ist. Lithium-carbonicum-Menschen wirken kindlich und naiv, sie brauchen immer eine Bezugsperson, an der sie sich orientieren können. Ansonsten fühlen sie sich hilflos und verlassen. Oft haben sie das Gefühl, von Mutter oder Vater nicht anerkannt und geschätzt zu werden, bilden sich ein, sie könnten es ihnen nie recht machen und haben Angst, zu versagen. Der Kummer von Lithium-carbonicum-Patienten besteht in der Überzeugung, alleine nicht lebensfähig zu sein und immer eine andere Person zu brauchen, die sie durch den Alltag begleitet – ihnen die nötige basale Sicherheit gewährt. Das Mittel wurde erstmals 1879 von T.F. Allen geprüft, zuletzt 1995 unter der Leitung von Anne Schadde (5). Körperliche Symptome Ein herausragendes Symptom von Lithium carbonicum ist die rechtsseitige Hemianopsie mit einem kompletten Sehverlust der rechten Seite. Typisch ist auch der Seitenwechsel bei Schmerzen von rechts nach links oder umgekehrt. Allgemein hat das Mittel einen Bezug zu rheumatischen Beschwerden vor allem der kleinen Gelenke (Arthritis) sowie zu Augen- und Herzleiden. In der Regel geht es Lithium-carbonicum-Patienten nachts schlechter, Essen und Ausscheidungen tun ihnen dagegen gut. Lith-c. ist ein frostiges Mittel mit Empfindlichkeit auf kalte Luft. Es bestehen großer Durst auf kalte Getränke und ein Verlangen nach Kaffee und Tee sowie eine Abneigung gegen Bier. Der Genuss von Schokolade führt zu Durchfall und Übelkeit. Kaffee und Zwiebeln werden ebenfalls nicht vertragen. Pflanzenreich Hura brasilienis (Sandbüchsenbaum), Hura Hura brasiliensis oder auch Hura crepitans, der Sandbüchsenbaum, gehört zur Familie der Euphorbiaceen, der Wolfsmilchgewächse, für die das Thema „Anheften“ und „Zusammenschnüren“ besonders typisch ist. Menschen, deren Heilmittel aus dieser großen Pflanzenfamilie stammt, haben die Empfindung, angebunden oder festgehalten zu sein. Sie fühlen sich wie ein Häftling in der Zelle. Der Raum ist ihnen zu eng und zu klein. Sie können nichts tun, um sich aus dieser ausweglosen Situation zu befreien. Das Gefühl, von einem straff gespannten Band oder einer Kette fixiert zu sein, die ihnen keinen Bewegungsspielraum lassen, finden wir sowohl auf der körperlichen als auch auf der geistig-seelischen Ebene. So erleben sich die Betroffenen nicht nur physisch als vollkommen unbeweglich, sondern auch psychisch und mental: Sie sind unflexibel, starrköpfig und eigensinnig – verharren nahezu bewegungslos in ihrer „Zwangsjacke“. Dabei ist es ihr größtes Bedürfnis, sich loszureißen, der drangvollen Enge zu entfliehen, frei zu sein. Auch Kleidung und Hitze sind ihnen unerträglich. Die Türen müssen stets geöffnet bleiben. Ständige Bewegung tut gut, wobei es den Betroffenen zu Beginn der Bewegung erst einmal schlechter geht. Im kompensierten Zustand haben sie das Gefühl, frei und ungebunden zu sein. Trotz des begrenzten Raumes kommen sie gut zurecht. Sie verspüren mehr Bewegungsfreiheit bzw. es ist ihnen möglich, ihren Raum besser zu nutzen. Hura brasiliensis ist eines der ganz großen „Kummermittel“. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sind bei dieser Arznei so extrem, dass Rajan Sankaran sie dem Lepra-Miasma (6) zugeordnet hat. „Ein Lepröser, ein Aussätziger, ist jemand, der durch einen unheilvollen Schicksalsschlag in die Lage gerät (als Aussätziger), dass seine Freunde sich von ihm abwenden. Sie hassen und verachten ihn, sie haben alle Sympathie verloren, er kann machen, was er will, er kann den Verlust durch nichts wettmachen, er kann nie mehr dahin zurück, wo er einmal war – einmal ein Lepröser, für immer ein Lepröser.“ (7) Genauso fühlt sich ein Mensch, dessen Heilmittel Hura brasiliensis ist: wie ein Aussätziger, der von seinen Liebsten verstoßen wurde, ohne Hoffnung, jemals wieder in deren Schoß aufgenommen zu werden – völlig allein und isoliert. Hura-Menschen leben in der Überzeugung, „vom Unglück verfolgt, ausgestoßen, gehasst, verachtet, ohne Hoffnung auf Genesung.“ (8) Wobei die zentrale Empfindung von Hura brasiliensis lautet: Ich bin dazu verdammt, auf ewig festgebunden zu sein. (9) Die Betroffenen können nichts tun, um sich aus ihrer hoffnungslosen Situation zu befreien. Gleichzeitig sind sie voller Schuldgefühle: Sie bilden sich ein, für das Unglück ihrer Mitmenschen verantwortlich zu sein und meinen, ohne sie ginge es diesen besser. Am Anfang der Pathologie von Hura brasiliensis steht oft eine ungewollte Schwangerschaft mit schlechtem Gewissen, Schuld- und Schamgefühlen. Die betroffenen Frauen schämen sich für ihren Zustand, geben sich selbst die Schuld für den „Fehltritt“, ziehen sich von der Gesellschaft zurück und versuchen, den sich rundenden Bauch so lange wie möglich zu verbergen, aus Angst von der Familie verachtet und verstoßen zu werden. Einen weiteren, ergänzenden Aspekt des Mittels beschreibt der französische Kinderarzt und Homöopath Didier Grandgeorge:„Hura ist eine Art Latex. Diese Personen erleben Liebe als eine Art elastische Kraft, ähnlich wie ein Gummiband. Je größer die Entfernung von dem geliebten Menschen, umso mehr werden sie versuchen, diese Person mit Gewalt anzuziehen. Wenn das Gummiband reißt, ist das katastrophal, und sie kommen nie darüber hinweg.“ (10) Während Hura-Persönlichkeiten ihre ausweglose Lage einerseits als Zwangsjacke empfinden, das Gefühl haben, in straffe Bänder gewickelt zu sein, versuchen sie andererseits, Menschen, die sie lieben und nicht verlieren wollen, durch ebensolche Bänder an sich zu binden. In ihrem Unglück und ihrer Verzweiflung können Hura-Menschen destruktiv und selbstzerstörerisch sein: Sie kauen Nägel, beißen sich und andere. Auch sind sie mitunter suizidgefährdet, da sie sich für minderwertig und verabscheuungswürdig halten, was ihnen die Lebensgrundlage entzieht. Bezeichnenderweise träumen Hura-Menschen von Beerdigungen, Friedhöfen, Gräbern und verstümmelten Leichen mit abgetrennten Gliedmaßen. Körperliche Symptome Die physischen Beschwerden von Hura gehen häufig mit der Empfindung von Zusammenschnürung oder Zusammenziehen einher, z.B. im Bereich von Kopf, Hals, Brust oder Rektum. Ferner hat das Mittel Bezug zu rheumatischen Beschwerden und zu Hautausschlägen, die als ekelhaft oder ungut empfunden und daher sorgsam verborgen werden müssen, vergleichbar den leprösen Hauterscheinungen. Typisch ist ein Schwindel mit dem Gefühl, die Füßen würden den Boden nicht berühren, die Empfindung einer Kugel unter der linken Brust oder das Gefühl, eine Kugel rolle im Gehirn hin und her. Hura-Patienten sind sehr lärmempfindlich, zucken beim geringsten Geräusch zusammen oder zittern vor Schreck. Hitze und enge Kleidung vertragen sie schlecht.
Haufen Salz
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Eines der ganz großen Homöopathika ist das potenzierte Kochsalz, Natrium muriaticum, eine häufig verordnete Arznei bei tiefem Kummer ohne Tränen. ((BU)) Wenn zwei gegensätzlich geladene chemische Elemente eine Verbindung miteinander eingehen, spricht man von einem Salz (Salz, Sal: heteropolare, anorganische oder organische chemische Verbindung mit einem aus Kationen und Anionen bestehenden Kristallgitter). Nicht immer herrscht Harmonie zwischen beiden Polen, mitunter sind diese Vereinigungen spannungsgeladen und explosiv. Und doch arrangiert man sich, wächst zusammen und bildet eine neue Einheit. So empfinden auch die Menschen, deren Heilmittel ein Salz ist – zwei Seelen wohnen in ihrer Brust und sorgen dort für innere Konflikte, Verwirrung, Unentschlossenheit und Unausgeglichenheit, je nachdem wie gegensätzlich die Partner sind. Doch stets handelt es sich um tiefwirkende Arzneimittel, ideal für chronische oder seelische Beschwerden. Salze sind Ionenverbindungen, sie entstehen durch Abgabe und Aufnahme von Elektronen. Das Elektronen abgebende Element weist eine positive Ladung auf (+), man nennt es Anion, das Elektronen aufnehmende Element verfügt über eine negative Ladung (-) und wird Kation genannt. Wenn man das Periodensystem betrachtet, stellt man fest, dass Salze sich aus Elementen der linken Seite des Periodensystems und denen der rechten Seite zusammensetzen, häufig sogar rechts und links der Mitte. Bekannte Beispiele sind Natrium muriaticum oder Magnesium phosphoricum. Die Gegensätzlichkeit beider Partner spiegelt sich auch im Wesen der Menschen wider, die ein Salz als Heilmittel benötigen. Die meisten Salze, mit Ausnahme der Halogensalze (Kombinationen mit Fluor, Chlor, Brom, Iod etc.) enthalten zusätzlich noch Sauerstoff (Oxygenium), bestehen also aus drei Elementen. In diesem Fall müssen die charakteristischen Symptome von Oxygenium bei dem betreffenden Menschen ebenfalls erkennbar sein. Charakteristische Symptome von Oxygenium Alles selbst tun wollen Verlangen nach Freiheit und Unabhängigkeit Mangelndes Selbstwertgefühl Gefühl, die eigenen Leistungen würden nicht ausreichend gewürdigt Braucht viel Raum zum Atmen Die Homöopathie und das Periodensystem Chemische Verbindungen haben immer acht Elektronen auf der Außenschale, das heißt, ein Element, das sechs Elektronen auf der Außenschale aufweist, sucht sich einen Salz-Partner mit zwei Außenelektronen, um die erforderlichen acht zu erreichen. Wenn man sich bei dem Verständnis der Salze und ihrer Elemente auf das Periodensystem und dessen Interpretation von Jan Scholten (niederländischer Homöopath, der sich intensiv mit dem Periodensystem und dessen Bedeutung für die Homöopathie beschäftigt hat) bezieht, so hat man acht Reihen (Serien) und 18 Spalten (Stadien) mit unterschiedlichen Entwicklungsstufen und Themen, an denen man sich orientieren kann. Etwas vereinfacht formuliert, durchlaufen die Reihen die einzelnen Lebensabschnitte, wobei die Wasserstoff-Serie (erste Reihe) dem Leben im Mutterleib entspricht und die Uranium-Serie (siebte Reihe) dem hohen Alter. Bei den Spalten erkennt man eine Entwicklung von links nach rechts – immer in Bezug auf das Thema der Reihe. Ganz links fängt die Entwicklung gerade an, in der Mitte ist der Höhepunkt erreicht und ganz rechts ist der Verlust des einmal Erreichten schon weit fortgeschritten. Die Themen der einzelnen Reihen Erste Reihe (Wasserstoff-Serie): Empfängnis und Existenz, Frage: Bin ich oder bin ich nicht? Zweite Reihe (Kohlenstoff-Serie): Geburtsprozess, Trennung, Frage: Bin ich ein Teil von etwas/jemandem oder bin ich getrennt? Dritte Reihe (Silicium-Serie): Identität und Versorgung, Frage: Wer bin ich? Vierte Reihe (Eisen-Serie): Sicherheit und tägliche Aufgaben, Routine Fünfte Reihe (Silber-Serie): Kreativität und Leistung, Neues erschaffen Sechste Reihe (Gold-Serie): Verantwortung für andere, Macht und Herrschaft Siebte Reihe (Uranium-Serie): Pflicht und Verantwortung bis zur eigenen Zerstörung Die linke Seite des Periodensystems Die Elemente auf der linken Seite des Periodensystems haben nur ein oder zwei Elektronen auf ihrer Außenschale, sie sind von dem Ziel, acht Elektronen zu erreichen, noch sehr weit entfernt – je weiter links desto mehr. Übertragen auf die Empfindung der Menschen, die ein Mineral als homöopathisches Arzneimittel verordnet bekommen, bedeutet das: Sie haben das Gefühl, auf ihrem Weg noch ganz am Anfang zu stehen, noch keine wesentlichen Fortschritte bezüglich der Thematik ihrer Reihe (siehe oben) gemacht zu haben. Menschen, die ein Element aus den ersten beiden Spalten brauchen (wie Hydrogenium, Lithium, Natrium, Magnesium, Kalium, Calcium oder Barium), lassen in ihrem Verhalten und in ihrer Bewältigungsstrategie eine mehr oder weniger große Abhängigkeit von anderen Personen erkennen. Je weniger Außenelektronen das jeweilige Element besitzt, das sie benötigen, desto ausgeprägter ist das Gefühl eines Mangels auf diesem Gebiet. Sie fühlen sich nicht in der Lage, die Thematik ihrer Reihe ohne fremde Hilfe bewältigen zu können. Die rechte Seite des Periodensystems Bei den Elementen rechts der Mitte ist der Zenit bereits überschritten. Ab vier Außenelektronen besteht das Gefühl, etwas aus eigener Kraft erreicht zu haben, nicht auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Je weiter rechts das Element steht, desto mehr wächst die Furcht, das bereits Erreichte wieder zu verlieren. Dazu zählen Phosphorus, Sulphur, Arsenicum, Argentum, Aurum und Plumbum, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit zunehmender Elektronenzahl und Atommasse nimmt die Anziehungskraft zu, mit welcher die Elektronen zum Kern gezogen werden. Je mehr Elektronen ein Atom auf der Außenschale hat, umso dichter wird es. Insofern stellt der Handel zwischen den beiden Elementen nicht unbedingt ein faires Geschäft dar: Der Partner, der weniger zu geben hat (links der Mitte), ist nicht so geizig wie der, der seine Schale fast voll hat (rechts der Mitte). Letzterer wird alles daransetzen, seine erarbeiteten Besitztümer für sich zu behalten und zu mehren. Insofern sind die Elemente auf der linken Seite auf die Almosen und die Unterstützung der Elemente auf der rechten Seite angewiesen, welche sich schwer tun, zu geben. Für sie ist es viel leichter, noch etwas mehr zu nehmen, als all das herzugeben, was sie sich bereits gesichert haben. Wir sehen das am Grad des Besitzdenkens und der Ausbildung des Egos rechts der Mitte. Dort ist das Bewusstsein für die eigene Identität wesentlich stärker ausgeprägt, was deutlich wird, wenn wir uns die Arzneimittelbilder von Phosphorus oder Sulphur anschauen, um zwei prominente Beispiele zu nennen. Wann ist ein Mineral ein Salz? Das Ziel der Salze ist Stabilität, die sie durch die Verbindung mit einem passenden Partner erwerben – kein Problem für die linke Seite, denn sie hat nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen – allerdings um den Preis der Abhängigkeit. Die rechte Seite hingegen muss das Erreichte teilen, was als beengend empfunden wird. Wie bereits erwähnt, bestehen Salze aus mindestens zwei Elementen, wobei das eine auf der linken Seite des Periodensystems angesiedelt ist, das andere auf der rechten, wobei die Abstände nicht immer so groß sein müssen wie bei Natrium muriaticum (siehe Aurum arsenicosum). Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder stammen beide Partner aus derselben Reihe oder aus zwei unterschiedlichen Reihen. Im ersten Fall steht der betreffende Mensch unter dem Einfluss der Thematik einer einzigen Reihe, er hat folglich bezüglich des gleichen Themas eine unterentwickelte abhängige und eine weiter entwickelte unabhängigere Seite in sich, was sich durch widersprüchliches oder wechselhaftes Verhalten äußert bzw. durch zwei unterschiedliche Bewältigungsmechanismen. Typische Beispiele dieser Kombination wären Natrium muriaticum, Magnesium phosphoricum oder Calcium arsenicosum. Im letzteren Fall werden Empfindung und Reaktionsmuster von zwei verschiedenen Reihen beeinflusst, dazu zählen Mittel wie Barium carbonicum, Beryllium muriaticum oder Kalium sulphuricum. Der indische Homöopath Rajan Sankaran sagt dazu, ein Salz sei nur dann indiziert, „wenn wir sehen, dass auf der Empfindungsebene die Merkmale des einen Elements immer von denen des anderen Elements begleitet werden“ (1). Es handelt sich folglich nicht um ein Nebeneinander von Symptomen, sondern um eine Verquickung: Aus den beiden Ausgangssubstanzen entsteht eine neue Einheit, die der Individualität des jeweiligen Menschen entspricht. Beispiele aus der Welt der Salze Natrium muriaticum Bei dem bekannten homöopathischen Mittel Natrium muriaticum (Kochsalz) handelt es sich um die Vereinigung zweier Elemente aus der dritten Reihe des Periodensystems. Natrium steht ganz links, Muriaticum, auch Chlorum genannt, in der 17. Spalte, also fast ganz rechts. Bei dem betreffenden Menschen geht es um die Themen: Identität (Wer bin ich? Wie sehen mich die anderen?), Versorgung, Familie und Beziehung (ich und die anderen). Durch den Natrium-Anteil ist das Bewusstsein für die eigene Identität noch nicht entwickelt. Der Betreffende ist komplett abhängig von einer Bezugsperson (Mutter, Vater, Partner), er traut sich nicht zu, allein durchs Leben zu gehen. Es besteht ein großes Bedürfnis nach Liebe und Fürsorge. Auch das Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit ist noch nicht vorhanden, typisch sind Fragen wie „Was soll ich wählen?“ „Wie soll ich mich entscheiden?“ „Was soll ich sagen?“. Insofern besteht eine immense Abhängigkeit vom Partner, ohne den sich der Betreffende völlig hilflos fühlt – seiner Identität beraubt. Auch sind die Erwartungen an den Partner vergleichbar denen, die an die Mutter gestellt werden: Er soll bedingungslos lieben, jeden Wunsch von den Augen ablesen etc. Der Muriaticum-Anteil führt dazu, dass die unvermeidliche Enttäuschung im Sinne eines Betrugs erfahren wird. Laut Rajan Sankaran empfindet der Nat-m.-Mensch folgendermaßen: “Ich werde von der Person, der ich vertraue, von der ich abhängig bin und die ich liebe, im Stich gelassen, verraten oder enttäuscht.“ (1) Durch das Element auf der rechten Seite des Periodensystems wird der Verlust oder die Angst vor dem vermeintlichen Verlust desjenigen Menschen, von dem eine überstarke Abhängigkeit besteht (linke Seite) als besonders schmerzlich erlebt. Auf der anderen Seite besteht das Verlangen, diese Abhängigkeit abzustreifen, ihr zu entfliehen. Das Anion zeigt hier die Bedürftigkeit an, das Kation (in dem Fall ein Halogen) den Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit. Menschen, die Nat-m. als konstitutionelles homöopathisches Mittel benötigen, befinden sich ständig in diesem polaren inneren Konflikt: einerseits abhängig und bedürftig, andererseits getrieben von dem Verlangen, frei und unabhängig zu sein. Kalium carbonicum Bei Kalium carbonicum (Pottasche) handelt es sich um ein Salz, das aus zwei Elementen unterschiedlicher Reihen besteht: der zweiten und der vierten Reihe. Hier sind folglich zwei verschiedene Themen miteinander verwoben. Kalium befindet sich wie Natrium in der ersten Spalte, weist folglich eine ebenso große Abhängigkeit auf, allerdings in Bezug auf ein anderes Thema, denn es steht in der vierten Reihe. Hier geht es um die tägliche Arbeit, um Pflicht und Ordnung sowie um die notwendige Routine bei der Ausübung der beruflichen oder schulischen Tätigkeit. Der Betreffende weiß um seine Identität, kann auch selbst für sich sorgen, verspürt aber eine sehr starke Bindung zur Familie, sodass sich das ganze Leben – alles Sinnen und Trachten – um die eigene Sippe dreht. Im Gegensatz zu Natrium ist es hier nicht die einzelne Bezugsperson, die wie eine Mutter vereinnahmt wird, sondern die Gruppe – der Familienverband. Der Hintergrund: Der Betreffende hat Angst, allein zu sein. Das Aufstellen fester Regeln und Gesetze, an die sich alle Familienangehörigen zu halten haben, schafft die Sicherheit, die der Kalium-Mensch zum Überleben braucht. Carbonicum (Kohlenstoff) steht in der zweiten Reihe relativ in der Mitte. Hier geht es um den Geburtsprozess, um die Trennung von der Mutter. Der Betreffende weiß, dass er sich trennen muss, dass er den „schützenden Mutterleib“ verlassen muss, aber er traut es sich nicht zu, kann keine Trennung ertragen. An dieser Stelle wird deutlich, wie nahtlos diese beiden unterschiedlichen Elemente ineinandergreifen und sich gegenseitigen beeinflussen: Der Carbon-Anteil beinhaltet die Angst und Unfähigkeit, sich zu trennen und der Kalium-Anteil den Bezug zur Familie. Hier besteht also die Urangst, von der Sippe getrennt zu werden und auf sich selbst gestellt zu sein. Aurum arsenicosum Aurum (Gold) befindet sich an der Schnittstelle von sechster Reihe und 11. Spalte, also jenseits der Mitte. In Reihe sechs geht es um Verantwortung und Macht. Die 11. Spalte zeigt an, dass der Höhepunkt des Erreichbaren bereits überschritten ist und der Betreffende im Begriff ist, die Machtposition, die er sich erarbeitet hat, Stück für Stück zu verlieren. Da sich der Aurum-Mensch aber über seine Position und Verantwortung definiert, stürzt ihn deren drohender Verlust in tiefste Abgründe – ein Leben scheint dann nicht mehr vorstellbar. Mit Arsenicum hat das Schwermetall einen Partner aus der vierten (Arbeiter-) Reihe, wobei Arsen noch weiter rechts angesiedelt ist: in der 15. Spalte. Der Verlust ist schon recht weit fortgeschritten und man kann nichts dagegen tun. Konkret geht es um die Furcht vor dem Verlust materieller Sicherheit und des Arbeitsplatzes. Der Betreffende versucht verzweifelt, das einmal Erreichte festzuhalten, aber es gelingt ihm nicht. Er fühlt sich ohnmächtig und vollkommen hilflos. Bei Aurum arsenicosum handelt es sich um ein Salz aus zwei Elementen rechts der Mitte, die thematisch nicht allzu weit entfernt sind: In beiden Fällen geht es um die Stellung im Arbeitsleben. Durch die Kombination wird klar, dass der Betreffende nicht nur um seine Verantwortung und seine Machtposition bangen muss, sondern auch um die materielle Sicherheit, die mit dem drohenden Verlust des Arbeitsplatzes zwangsläufig einhergeht. Typisch ist die große Angst und Unruhe, mit der der Aur-ar.-Mensch diesen Prozess begleitet. Fazit Bei der Beschreibung der einzelnen Salze wurde bewusst auf ein detailliertes Arzneimittelbild verzichtet. Es geht nicht darum, die jeweiligen Symptome der Mittel darzustellen, sondern die Idee der Elemente und ihrer Verbindungen in Bezug zu den Themen der Reihen und Spalten des Periodensystems herauszuarbeiten. Jan Scholten und Rajan Sankaran haben hier wertvolle Pionierarbeit geleistet. Literatur: Joshi, Bhawisha: Homöopathie und die Struktur des Periodensystems. Narayana Verlag. Kandern, 2010 Sankaran, Rajan: Struktur. Erfahrungen mit dem Mineralreich, Bd. 1 und 2. Homeopathic Medical Publishers. Mumbai, 2009 (1) Scholten, Jan: Homöopathie und Minerale. Utrecht, 1993
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