Kummermittel in der Homöopathie

von Dorit Zimmermann • 1. September 2025

Hinter vielen körperlichen Symptomen verbirgt sich ein Kummer oder eine tiefe Traurigkeit. ((BU))

Differenzierung nach Reichen und Unterreichen

Die Rubrik „Gemüt – Kummer, Trauer“ umfasst 149 Arzneien, die laut Prüfung oder klinischer Erfahrung einen mehr oder weniger deutlichen Bezug zu seelischem Schmerz haben. Das sind aber längst nicht alle Mittel, an die man bei einem „Kummerpatienten“ denken könnte oder müsste. Hilfreich sind hier weniger die allgemeinen Gemütsrubriken (1), sondern vielmehr ein differenzierter Blick auf die Individualität bzw. Besonderheit des betreffenden Patienten und die Kenntnis der Materia Medica auch „kleinerer“ Arzneien. Um die Auswahl der infrage kommenden Mittel sinnvoll eingrenzen zu können, hilft es, sich der Sensation-Methode Rajan Sankarans zu bedienen, welche allerdings ein jahreslanges Studium und viel Erfahrung erfordert. Hier eine kleine Auswahl weniger bekannter „Kummermittel“ aus unterschiedlichen Naturreichen.

Viele Patienten kommen vordergründig wegen diverser, oft chronischer oder häufig wiederkehrender körperlicher Beschwerden in die homöopathische Praxis. Im Anamnesegespräch wird dann aber schnell klar, dass ein tiefer Kummer hinter dem physischen Leid steckt und dass dieser die eigentliche Pathologie darstellt: das zu Heilende. Die entsprechenden Gemütsrubriken wie „Kummer, Trauer“ oder „Beschwerden durch – Kummer“ sind sehr allgemein und schließen zahlreiche Mittel aus, die ich durchaus als „Kummerarzneien“ bezeichnen würde. In der umfassenden Rubrik „Gemüt – Kummer, Trauer“ fehlen beispielsweise sämtliche Lithium- und Beryllium-Verbindungen sowie die Lanthanide, die Muttermittel (siehe: comed Mai/2013) und die Schwäne. Das einzige enthaltene Milchmittel ist Lac-c., die Hundemilch. Ferner vermisse ich Mag-c., Mag-n., Aur-s., Hura, Elaps und Musca-d., um nur einige zu nennen. In der etwas kleineren Rubrik „Beschwerden durch Kummer“ mit 94 Mitteln, sind neben anderen auch Elaps und Hura aufgeführt. Rajan Sankaran warnt vor dem unkritischen Gebrauch von Gemütsrubriken, da diese, wie er sagt, „viel Spielraum für Interpretationen lassen“ (2) . Wichtig ist es daher, nach individuellen, eigentümlichen Symptomen zu suchen, die charakteristisch für den betreffenden Patienten, dessen Beschwerden und vor allem für dessen Reaktionsmuster sind, sprich für die Art und Weise, wie er sein Leid empfindet, wie er damit umgeht und wie er es in der Anamnese beschreibt. An dieser Stelle kann es sehr nützlich sein, neben der Klassischen Homöopathie, wie sie uns Samuel Hahnemann gelehrt hat, auf das Konzept der Sensation-Methode Sankarans zurückzugreifen, um der Individualität jedes einzelnen Patienten gerecht zu werden. Wer sich bei der Repertorisation von „Kummerpatienten“ zu sehr auf allgemeine Rubriken verlässt, der wird häufig bei den bewährten Polychresten wie Nat-m., Ign., Staph., Puls. oder Carc. landen und sich wundern, dass der gewünschte Heilerfolg ausbleibt.

Die Sensation-Methode basiert auf der Klassischen Homöopathie Hahnemanns, hat diese aber um ein äußerst wertvolles Handwerkszeug erweitert: die Differenzierung nach Reichen und Unterreichen sowie einen komplexeren Umgang mit den Miasmen. Nach einer offenen Anamnese, bei der das Augenmerk neben den Fakten auf der Art und Weise liegt, wie sich der Patient ausdrückt, welche Worte und Handgesten er wählt und wie er sich dabei gibt, sprich wie lebendig oder zurückhaltend er agiert, folgt die Fallanalyse, wobei zunächst entschieden wird, aus welchem Naturreich das Arzneimittel stammen muss, das dem Patienten helfen soll. Wir unterscheiden hier im Wesentlichen zwischen Pflanzen-, Tier- und Mineralreich. Hinzu kommen noch Nosoden, Sarkoden und Imponderabilien. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich Empfindung und Ausdrucksweise der einzelnen Reiche gravierend voneinander unterscheiden. Ein „Pflanzenpatient“ ist extrem empfindlich auf Einflüsse, die von außen auf ihn einwirken, ein „Tierpatient“ dagegen ist geprägt von den Überlebensstrategien der Tierwelt. Hier geht es um das nackte Überleben: fressen oder gefressen werden, ich oder du. Einer ist der Täter, der andere das Opfer. Die Schuld wird in der Regel beim anderen gesucht. Mineralische Patienten wiederum empfinden einen Mangel an Fähigkeiten bei sich selbst, der sie daran hindert, ihren Alltag zu meistern.

Sobald das Reich feststeht, geht es um die Wahl des Unterreiches: Bei den „Pflanzenpatienten“ wird ja nach Art der spezifischen Empfindung nach der passenden Pflanzenfamilie gesucht, für die es klare Kriterien gibt. Maßgeblich hierfür sind die Prüfungssymptome. Bei den „Tieren“ erfolgt die Differenzierung nach den in der Anamnese geäußerten Überlebensstrategien und Reaktionsmustern. Diese lassen sich einer bestimmten Tierfamilie zuordnen z.B. den Säugetieren, Mollusken, Vögeln oder Reptilien. Zur näheren Eingrenzung des passenden mineralischen Mittels, wobei häufig Mittelkombinationen (Salze) erforderlich sind, bedienen wir uns des Periodensystems bzw. dessen Interpretation nach Jan Scholten. Abschließend entscheiden Individualität und Besonderheit der Symptomatik, welches Mittel verordnet wird.

Nach dieser kurzen, äußerst fragmentarischen Einführung in die Sensation-Methode dürfte klar geworden sein, auf welchem Wege die einzelnen „Kummermittel“ voneinander differenziert werden: Reich – Unterreich – Arzneimittel.

Der Grund für diese spezielle Vorgehensweise liegt in der Erkenntnis, dass jeder Mensch eine Affinität zu einem bestimmten Naturreich hat. So ist es vorstellbar, dass drei verschiedene Patienten mit einer ganz ähnlichen Krankengeschichte in die Praxis kommen, wobei es jeweils um das Gefühl von Isolation, Einsamkeit, Missachtung und mangelnder Liebe geht. Alle drei leiden unter Schlafstörungen, depressiver Verstimmung und haben Verlangen nach Schokolade und salzigen Speisen. Dennoch empfindet und beschreibt der erste Patient seine Beschwerden „tierisch“, der zweite „pflanzlich“ und der dritte „mineralisch“. Wichtig ist, dass die Zuordnung nach einem Reich auf der tiefsten Ebene der Empfindung erfolgt, da gerade Erwachsene Anteile aus allen Reichen haben können, aber eben nur bis zu einer bestimmten Schicht. Sind wir mit der Anamnese an der Wurzel der Pathologie angekommen, kristallisiert sich ein bestimmtes Reich heraus.

Gelingt es nicht, den Patienten während der Anamnese in die Vitalempfindung zu bekommen, was häufig geschieht, dann müssen wir offen sein für das, was der Patient uns liefert, wohin er uns führt. Ein auffallendes, einzigartiges Symptom, das wir so nicht erwartet hätten oder das wir bislang noch von keinem anderen Patienten gehört haben, kann uns ebenfalls auf die richtige Fährte bringen.

Kummer – was ist das überhaupt?

Aus Sicht der Psychologie versteht man unter Kummer Hoffnungs- und Hilflosigkeit. Weitere wichtige Empfindungen in diesem Zusammenhang sind seelischer Schmerz, Trauer, Traurigkeit, Enttäuschung, enttäuschte Liebe, ein Gefühl der Einsamkeit und Isolation sowie die Empfindung, nicht wahrgenommen oder abgelehnt zu werden – wertlos zu sein.

Mineralreich

Die Zuordnung mineralischer Mittel zu den Reihen und Spalten des Periodensystems stammt von dem holländischen Chemiker und Homöopathen Jan Scholten. Er hat den einzelnen Reihen (Perioden) und Spalten (Stadien) bestimmte Themen zugewiesen, die mit der menschlichen Entwicklung zu tun haben, auf die sich auch Rajan Sankaran und seine Schule beziehen.

Lithium carbonicum (Lithiumkarbonat), Lith-c.

Lithium carbonicum ist die Kombination dreier Elemente der zweiten Reihe des Periodensystems (Kohlenstoff-Serie), die entwicklungsgeschichtlich der Geburt zugeordnet wird. Lithium steht ganz links, in der ersten Spalte, Carbon (der Kohlenstoff-Anteil) genau in der Mitte: in Stadium 10 (3) und Oxygenium (der Sauerstoff-Anteil) im 16. Stadium, also relativ weit rechts (direkt über Sulphur). Bei diesem Salz haben wir es folglich nur mit einem Themenkomplex zu tun: Trennung und Eigenständigkeit, welcher aus drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Lithium entspricht einem sehr primitiven Entwicklungsstadium: An eine mögliche Trennung (von der Mutter oder einer anderen Bezugsperson) ist noch gar nicht zu denken, sie ist unvorstellbar. Bei Carbon, in der Mitte der Reihe, ist sich der Patient bereits darüber im Klaren, dass die Geburt und damit die Trennung unmittelbar bevorstehen. Die entscheidende Frage dabei lautet: Werde ich es schaffen, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, auf eigenen Füßen zu stehen? Oxygenium schließlich entspricht dem Zustand kurz nach der Entbindung, wenn das Baby die Enge des Geburtskanals bereits hinter sich gelassen hat und den ersten selbstständigen Atemzug tun muss: Das Kind ist geboren, hat die schützende Umgebung des Mutterleibs verlassen und muss nun allein zurechtkommen.

Nicht nur homöopathisch, sondern auch allopathisch ist Lithiumkarbonat ein wichtiges Mittel zur Behandlung von Kummer und Traurigkeit, vor allem bei manisch-depressiven Erkrankungen. Im Falle psychogener Depressionen oder depressiver Traurigkeit im Rahmen einer Neurose ist die Behandlung mit Lithium dagegen wirkungslos.

Rajan Sankaran beschreibt den Fall eines 51-jährigen Mannes, der phasenweise unter Depressionen mit Suizidgedanken litt. Seine Worte weisen eindeutig auf die linke Seite der zweiten Reihe hin: „Ich ziehe mich in meine Hülle zurück, möchte mich selbst vor der Welt verschließen.“ Immer wieder spricht der Patient davon, dass er sich der Welt nicht stellen, sich in eine schützende Hülle zurückziehen und am liebsten im Bett bleiben will: „fast wieder in den Mutterleib zurück“. Er sagt: „Ich gehe in eine Hülle, will niemanden treffen und mit niemand reden.“ (4) Die zentrale Empfindung dieses Patienten, der noch nicht im Leben angekommen ist, lautet: Ich möchte mich in eine schützende Hülle zurückziehen, um mich der feindlichen Welt nicht stellen zu müssen. Er fühlt sich den Anforderungen des täglichen Lebens nicht gewachsen, hält sich für unzulänglich. Seine Krankengeschichte begann, als er von seinen Eltern in ein Internat geschickt wurde. Dort hatte er das Gefühl, die häusliche Sicherheit eingebüßt zu haben. Seine Empfindung damals war es, die Behaglichkeit des Mutterleibs verloren zu haben und fortan allein existieren zu müssen.

Ein weiterer Aspekt von Lithium carbonicum ist der niedrige bzw. schwankende Selbstwert. Aufgrund ihrer Unsicherheit halten sich Lithium-carbonicum-Patienten an das Bewährte: Neues und Unbekanntes ist ihnen suspekt. Alle Lithium-Verbindungen haben Furcht vor fremden Menschen, so auch Lithium carbonicum. Die Betroffenen brauchen Sicherheit und Verlässlichkeit, um ihre innere Unsicherheit zu kompensieren. Dabei können sie impulsiv und wankelmütig sein: Kommt ihnen eine Idee, muss diese sofort in die Tat umgesetzt werden. Stellt sich der gewünschte Erfolg jedoch nicht umgehend ein, dann wird die ganze Aktion abrupt eingestellt, und die Betroffenen verfallen in Lethargie. Charakteristisch bei diesem Arzneimittel ist der rasche Wechsel zwischen Arbeitswut und totaler Erschöpfung. Dabei sind die Betroffenen zwanghaft perfektionistisch. Sie glauben, ihren Selbstwert durch entsprechende Leistungen verbessern zu können bzw. zu müssen und stellen deshalb besonders hohe Ansprüche an sich. Auch haben sie das Verlangen, alles mehrfach zu kontrollieren. Ihr Selbstbild stimmt häufig nicht mit der Realität überein, was auf Dauer frustrierend für sie ist.

Lithium-carbonicum-Menschen wirken kindlich und naiv, sie brauchen immer eine Bezugsperson, an der sie sich orientieren können. Ansonsten fühlen sie sich hilflos und verlassen. Oft haben sie das Gefühl, von Mutter oder Vater nicht anerkannt und geschätzt zu werden, bilden sich ein, sie könnten es ihnen nie recht machen und haben Angst, zu versagen.

Der Kummer von Lithium-carbonicum-Patienten besteht in der Überzeugung, alleine nicht lebensfähig zu sein und immer eine andere Person zu brauchen, die sie durch den Alltag begleitet – ihnen die nötige basale Sicherheit gewährt.

Das Mittel wurde erstmals 1879 von T.F. Allen geprüft, zuletzt 1995 unter der Leitung von Anne Schadde (5).

Körperliche Symptome

Ein herausragendes Symptom von Lithium carbonicum ist die rechtsseitige Hemianopsie mit einem kompletten Sehverlust der rechten Seite. Typisch ist auch der Seitenwechsel bei Schmerzen von rechts nach links oder umgekehrt. Allgemein hat das Mittel einen Bezug zu rheumatischen Beschwerden vor allem der kleinen Gelenke (Arthritis) sowie zu Augen- und Herzleiden. In der Regel geht es Lithium-carbonicum-Patienten nachts schlechter, Essen und Ausscheidungen tun ihnen dagegen gut. Lith-c. ist ein frostiges Mittel mit Empfindlichkeit auf kalte Luft. Es bestehen großer Durst auf kalte Getränke und ein Verlangen nach Kaffee und Tee sowie eine Abneigung gegen Bier. Der Genuss von Schokolade führt zu Durchfall und Übelkeit. Kaffee und Zwiebeln werden ebenfalls nicht vertragen.

Pflanzenreich

Hura brasilienis (Sandbüchsenbaum), Hura

Hura brasiliensis oder auch Hura crepitans, der Sandbüchsenbaum, gehört zur Familie der Euphorbiaceen, der Wolfsmilchgewächse, für die das Thema „Anheften“ und „Zusammenschnüren“ besonders typisch ist. Menschen, deren Heilmittel aus dieser großen Pflanzenfamilie stammt, haben die Empfindung, angebunden oder festgehalten zu sein. Sie fühlen sich wie ein Häftling in der Zelle. Der Raum ist ihnen zu eng und zu klein. Sie können nichts tun, um sich aus dieser ausweglosen Situation zu befreien. Das Gefühl, von einem straff gespannten Band oder einer Kette fixiert zu sein, die ihnen keinen Bewegungsspielraum lassen, finden wir sowohl auf der körperlichen als auch auf der geistig-seelischen Ebene. So erleben sich die Betroffenen nicht nur physisch als vollkommen unbeweglich, sondern auch psychisch und mental: Sie sind unflexibel, starrköpfig und eigensinnig – verharren nahezu bewegungslos in ihrer „Zwangsjacke“. Dabei ist es ihr größtes Bedürfnis, sich loszureißen, der drangvollen Enge zu entfliehen, frei zu sein. Auch Kleidung und Hitze sind ihnen unerträglich. Die Türen müssen stets geöffnet bleiben. Ständige Bewegung tut gut, wobei es den Betroffenen zu Beginn der Bewegung erst einmal schlechter geht. Im kompensierten Zustand haben sie das Gefühl, frei und ungebunden zu sein. Trotz des begrenzten Raumes kommen sie gut zurecht. Sie verspüren mehr Bewegungsfreiheit bzw. es ist ihnen möglich, ihren Raum besser zu nutzen.

Hura brasiliensis ist eines der ganz großen „Kummermittel“. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sind bei dieser Arznei so extrem, dass Rajan Sankaran sie dem Lepra-Miasma (6) zugeordnet hat. „Ein Lepröser, ein Aussätziger, ist jemand, der durch einen unheilvollen Schicksalsschlag in die Lage gerät (als Aussätziger), dass seine Freunde sich von ihm abwenden. Sie hassen und verachten ihn, sie haben alle Sympathie verloren, er kann machen, was er will, er kann den Verlust durch nichts wettmachen, er kann nie mehr dahin zurück, wo er einmal war – einmal ein Lepröser, für immer ein Lepröser.“ (7) Genauso fühlt sich ein Mensch, dessen Heilmittel Hura brasiliensis ist: wie ein Aussätziger, der von seinen Liebsten verstoßen wurde, ohne Hoffnung, jemals wieder in deren Schoß aufgenommen zu werden – völlig allein und isoliert.

Hura-Menschen leben in der Überzeugung, „vom Unglück verfolgt, ausgestoßen, gehasst, verachtet, ohne Hoffnung auf Genesung.“ (8) Wobei die zentrale Empfindung von Hura brasiliensis lautet: Ich bin dazu verdammt, auf ewig festgebunden zu sein. (9) Die Betroffenen können nichts tun, um sich aus ihrer hoffnungslosen Situation zu befreien. Gleichzeitig sind sie voller Schuldgefühle: Sie bilden sich ein, für das Unglück ihrer Mitmenschen verantwortlich zu sein und meinen, ohne sie ginge es diesen besser. Am Anfang der Pathologie von Hura brasiliensis steht oft eine ungewollte Schwangerschaft mit schlechtem Gewissen, Schuld- und Schamgefühlen. Die betroffenen Frauen schämen sich für ihren Zustand, geben sich selbst die Schuld für den „Fehltritt“, ziehen sich von der Gesellschaft zurück und versuchen, den sich rundenden Bauch so lange wie möglich zu verbergen, aus Angst von der Familie verachtet und verstoßen zu werden.

Einen weiteren, ergänzenden Aspekt des Mittels beschreibt der französische Kinderarzt und Homöopath Didier Grandgeorge:„Hura ist eine Art Latex. Diese Personen erleben Liebe als eine Art elastische Kraft, ähnlich wie ein Gummiband. Je größer die Entfernung von dem geliebten Menschen, umso mehr werden sie versuchen, diese Person mit Gewalt anzuziehen. Wenn das Gummiband reißt, ist das katastrophal, und sie kommen nie darüber hinweg.“ (10) Während Hura-Persönlichkeiten ihre ausweglose Lage einerseits als Zwangsjacke empfinden, das Gefühl haben, in straffe Bänder gewickelt zu sein, versuchen sie andererseits, Menschen, die sie lieben und nicht verlieren wollen, durch ebensolche Bänder an sich zu binden.

In ihrem Unglück und ihrer Verzweiflung können Hura-Menschen destruktiv und selbstzerstörerisch sein: Sie kauen Nägel, beißen sich und andere. Auch sind sie mitunter suizidgefährdet, da sie sich für minderwertig und verabscheuungswürdig halten, was ihnen die Lebensgrundlage entzieht.

Bezeichnenderweise träumen Hura-Menschen von Beerdigungen, Friedhöfen, Gräbern und verstümmelten Leichen mit abgetrennten Gliedmaßen.

Körperliche Symptome

Die physischen Beschwerden von Hura gehen häufig mit der Empfindung von Zusammenschnürung oder Zusammenziehen einher, z.B. im Bereich von Kopf, Hals, Brust oder Rektum. Ferner hat das Mittel Bezug zu rheumatischen Beschwerden und zu Hautausschlägen, die als ekelhaft oder ungut empfunden und daher sorgsam verborgen werden müssen, vergleichbar den leprösen Hauterscheinungen. Typisch ist ein Schwindel mit dem Gefühl, die Füßen würden den Boden nicht berühren, die Empfindung einer Kugel unter der linken Brust oder das Gefühl, eine Kugel rolle im Gehirn hin und her. Hura-Patienten sind sehr lärmempfindlich, zucken beim geringsten Geräusch zusammen oder zittern vor Schreck. Hitze und enge Kleidung vertragen sie schlecht.

Eine Ringeltaube sitzt an einem Frühlingsabend auf einem Holzstab.

Menschen, die Bezug zu Columba palumbus, der Ringeltaube, haben, sind selbstlos und hilfsbereit, was leider von vielen schamlos ausgenützt wird. Auf körperlicher Ebene haben sie Probleme mit dem Harntrakt. ((BU))

Tierreich

Columba palumbus (Ringeltaube), Colum-p.

Wie alle Tauben können auch Ringeltauben Krankheiten übertragen wie die Trichomoniasis, weshalb sie von vielen Menschen gemieden oder sogar aktiv verjagt werden. Andere wiederum fühlen sich zu ihnen hingezogen und füttern sie mit Hingabe. Insgesamt haben Tauben aber keinen besonders guten Ruf, weshalb sie abschätzig „Ratten der Lüfte“ genannt werden.

Tauben (Columbidae) sind die einzige, dafür aber artenreiche Familie in der Ordnung der Taubenvögel (Columbiformes). Diese umfasst 42 Gattungen mit über 300 Arten. Homöopathisch werden die Ringeltaube (Columba palumbus), geprüft von Elisabeth Schulz, und die Felsentaube (Columba livia domestica) genutzt. 
Die Ringeltaube ist die größte Taubenart Mitteleuropas. Unverwechselbar sind ihre weißen Flügelbänder und der weiße Halsstreifen. Ringeltauben leben in größeren Verbänden, die nördlichen Populationen sind Zugvögel, die südlichen und westlichen sind dagegen sesshaft. Sie bevorzugen bewaldete Landschaften, leben aber auch in Parks und auf Friedhöfen.

Columba palumbus ist ein kleines, aber interessantes „Kummermittel“. Menschen, die diese relativ unbekannte Arznei brauchen, fühlen sich als Opfer. Laut Jonathan Shore ist das Kernthema von Colum-p. der Missbrauch, verbunden mit einem passiven, langjährigen Leiden. „Die Welt ist für die Taube zu hart, voll von Gewalt und persönlichen Verletzungen. Die Menschen sind grausam. Tauben sind sehr empfindlich, voller Schuld und Schamgefühl. Sie sind zu nett für diese Welt und scheinen manchmal zurückgeblieben oder gar geistig behindert zu sein, sind es aber nicht. Im Gegensatz zu Barium hat sich die Taube lediglich von der Härte der Welt zurückgezogen.“ (11) Columba-palumbus -Menschen sind der festen Überzeugung, dass sie die schlechte Behandlung durch andere auch tatsächlich verdienen bzw. verdient haben. „Sie fühlen sich unterlegen, fett, dumm und hässlich.“ (12) Sie geben sich selbst die Schuld, wenn etwas schiefläuft, denken, dass es ihr Fehler war. Ihr Glaubenssatz lautet daher: Ich bin falsch, ich mache es nicht richtig. Und dafür schämen sie sich.

Nach außen wirken sie milde, liebevoll, herzlich, sind voller Zuneigung und Wärme, sogar dem „Feind“ gegenüber. Ihre Wut dringt nicht nach außen. Man könnte diese Menschen als altruistisch bezeichnen: Für sich selbst tun sie kaum etwas, für andere dagegen umso mehr. In ihrem Inneren sieht es jedoch häufig völlig anders aus. Dort hegen sie einen tief empfundenen Hass, verbunden mit Zorn und aggressiven Gefühlen. Ganz ähnlich wie bei Staphisagria werden diese negativen Regungen tunlichst verdrängt, was zu autoaggressiven Tendenzen führt. Auch der Kummer tritt nicht offen zu Tage, sondern wird sorgsam unterdrückt: Es ist mehr ein innerliches Weinen. Sie schimpfen nicht und beklagen sich kaum über erlittenes Unrecht. Sie erdulden es einfach, so als sei es ihre Bestimmung.

Wie bei Staphisagria legen die Betroffenen großen Wert darauf, was andere über sie denken, wie andere sie sehen. Gesellschaftliche Werte und Normen können nicht negiert werden. Zur Unterscheidung Staphisagria – Columba palumbus schreibt Peter Fraser: „Die Verdrängung vollzieht sich nicht ganz so aktiv wie bei Staphisagria, vor allem aber enthält es nicht die Entrüstung, die letzterem Mittel so bedeutsam ist. Zwar gibt es auch hier ein starkes Element der Scham, das jedoch nicht so sehr als Demütigung erlebt wird wie bei Staphisagria.“ (13) Colum-p. ist die Verdrängung nicht einmal bewusst, sie geschieht einfach: heimlich, still und leise. Dabei werden nicht nur Zorn und Aggressionen unterdrückt, sondern auch alle positiven Gefühle wie Leidenschaft und Begeisterung. Was zurückbleibt ist eine große innere Leere.

Die Tragik ist, dass die Gutmütigkeit und selbstlose Hilfsbereitschaft dieser Menschen nur allzu oft ausgenützt wird, was deren innerliches Feuer schürt. Wie bei Staphisagria lassen sie alles über sich ergehen und wehren sich kaum, sie spüren instinktiv, dass sie in der Hackordnung ganz unten stehen und zu dienen haben, vergleichbar den Tauben in Grimms Märchen „Aschenputtel“: Sie sitzen in der Asche und leben von den Abfällen der Menschen: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“.

Columba-palumbus-Menschen sind äußerst empfindlich auf Tadel und Kritik, ihr Reaktionsmuster ist der Rückzug aus der feindlichen Welt. Mit Gewalt und Feindseligkeiten wollen sie nichts zu tun haben. Kein Wunder, dass die Taube als Symbol für den Frieden zwischen den Völkern gilt.

Die Differenzierung zwischen Staphisagria und Columba palumbus erfolgt nicht zuletzt durch die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Reichen: Staphisagria ist eine Pflanze mit der pflanzentypischen Empfindlichkeit, in diesem Fall der Ranunculaceen (auf Grobheit und Verletzung). Columba palumbus ist ein Vogel und gehört dem Tierreich an. Allen Vogelmitteln gemeinsam ist die Sehnsucht nach uneingeschränkter Freiheit. Entsprechend empfinden Menschen, deren Heilmittel ein Vogel ist, ihren Alltag als Gefängnis: Sie fühlen sich eingesperrt, ihrer individuellen Freiheit beraubt. In der Anamnese können wir mehr oder weniger deutlich die Opfer-Aggressor-Thematik wahrnehmen. Da gibt es einen, der eingeschränkt und gefangen genommen wird: das Opfer. Daneben gibt es aber auch den Täter, der das Opfer in Ketten legt, d.h. es findet eine Schuldzuweisung von Seiten des Patienten statt. Wobei es sich bei dem Schuldigen nicht zwangsläufig um eine Person handeln muss, auch eine Krankheit kann als Täter empfunden und entsprechend beschrieben werden.

Körperliche Symptome

Eine körperliche Schwachstelle bei Colum-p. ist der Harntrakt mit schneidenden oder stechenden Schmerzen und dem Gefühl, als sei ein Schnitt in der Blase. Die Schleimhäute sind trocken, die Zunge brennt, und auch der Husten ist trocken. Häufig besteht ein Kloßgefühl im Hals. Mitunter klagen Columba-palumbus-Patienten über stechende Herzschmerzen. Hitze wechselt ab mit Frost, im Klimakterium leiden die Frauen unter Hitzewallungen.

Nosoden und Sarkoden

Nosoden und Sarkoden sind homöopathische Arzneimittel, die aus Krankeits- oder Stoffwechselprodukten von Mensch, Tier, Mikroorganismen oder Viren hergestellt werden. Das Wort „Nosode“ leitet sich von dem griechischen Begriff „Nosos“ (= Krankheit) ab. Werden Homöopathika aus Erregern oder Ausscheidungen infektiöser Krankheiten gewonnen, dann nennt man sie Nosoden. Im Gegensatz dazu stammen Sarkoden aus gesundem Organgewebe. Die „Muttermittel“ wie Lac humanum, Placenta humana, Vernix caseosa, Folliculinum, Chorda umbilicus (Umbilicus humanus), Aqua amniota humana und Oxytocin zählen zu dieser Gruppe, aber auch Lacrimae hominis, die menschliche Tränenflüssigkeit.

Anthracinum (Milzbrandnosode) Anthraci.

Ursprünglich wurde die Nosode aus einem bösartigen Milzbrandkarbunkel eines mit Bacillus anthracis infizierten Schafes hergestellt, heute dient der Leberextrakt eines milzbrandkranken Kaninchens als Ausgangsstoff für das homöopathische Mittel. Der Begriff Anthracinum leitet sich vom lateinischen Wort „Anthrax“ ab und bedeutet „fressendes Geschwür“.

George Vithoulkas schreibt über Anthracinum, es hege einen so starken Kummer in seinem Inneren, dass es als das Mittel mit dem stillsten Kummer und der schwersten emotionalen Verletzung angesehen werden müsse. Es scheine so, als wären alle seelischen und geistigen Traumata von Anthracinum in einem gewaltigen Tumor eingeschlossen. (14) Charakteristisch für Anthracinum sind unterdrückter Kummer, tiefe Traurigkeit und Bitterkeit, die sich in Form nekrotischer Veränderungen gegen den eigenen Organismus wenden und diesen zerstören.

In ihrem Kummer und ihrer Trauer, beispielsweise über den Tod geliebter Personen oder das Ende einer Beziehung, werden Anthracinum-Patienten gleichgültig gegenüber ihren Mitmenschen, deren Freud und Leid sie dann nicht mehr rühren. Ihre Erinnerungsfähigkeit ist ebenfalls eingeschränkt. Die Betroffenen sind reizbar und ruhelos, vor allem nachts, Frauen auch vor dem Einsetzen der Menstruation. Anthracinum-Menschen fühlen sich häufig schuldlos in einen Konflikt hineingezogen und werden auf diese Weise ungewollt zum Opfer. Diese scheinbar ausweglose Situation kann der Auslöser von Abszessen oder Karbunkeln sein. Wie der Abszess kapselt sich auch der Mensch von seiner Umwelt ab, zieht sich zurück und macht seine Probleme mit sich alleine aus. Er kann aber auch sehr wütend und aggressiv werden. Anthracinum ist ein düsteres Mittel: Tod und Untergang sind stets präsent.

Körperliche Symptome

Anthracinum hat seinen körperlichen Schwerpunkt im Bereich der Haut mit destruktiven Prozessen wie Gangrän mit Gewebszerfall, Sepsis, bösartigen Geschwüren, akuten und chronischen Abszessen, Wundheilungsstörungen mit fauligen, jauchigen Absonderungen und einer schwärzlichen Verfärbung des betroffenen Gewebes. Die Gerinnungsfähigkeit des Blutes ist herabgesetzt. Eine Verschlechterung tritt in der Regel nachts, bei Frauen auch vor den Menses ein. Der Mundgeruch ist extrem übelriechend, der Geschmack unangenehm. Typisch sind Gerstenkörner, die in Gruppen auftreten. Die Betroffenen haben extremen Durst, auch im Fieber. Es besteht Abneigung gegen den Geruch und Geschmack von Eiern sowie gegen fettes Fleisch. Wollkleidung wird im Allgemeinen schlecht vertragen. Mittelweisend sind deliröse Zustände im Fieber und durch Sepsis, begleitet vom Verlangen zu beißen.

Porträt eines süßen kleinen Mädchens, das weint.

Das homöopathische Mittel Lacrimae hominis wird aus menschlichen Kummertränen hergestellt. Diese enthalten andere Inhaltsstoffe als Tränen, die beim Zwiebelschneiden vergossen werden. ((BU))

Lacrimae hominis (menschliche Tränenflüssigkeit) Lacr-h.

Lacrimae, die Tränenflüssigkeit, wird aus menschlichen Tränen hergestellt, die von verschiedenen Personen unterschiedlichen Geschlechts und Alters in Kummersituationen gewonnen werden. Die chemische Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit richtet sich nach dem Auslöser des Weinens, so enthalten Kummertränen reichlich Enzyme und Hormone, die in Tränen, die während des Zwiebelschneidens vergossen werden, nicht vorkommen.

Lacrimae ist eine wahre „Kummerarznei“, bei der Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und die Folgen von Trennung im Mittelpunkt stehen. Es geht um das Gefühl, allein, verlassen und ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft zu sein. Der betroffene Mensch ist pessimistisch und verharrt wie erstarrt in seiner „Endzeit“-Stimmung. Er hat die Empfindung, das Leben habe ihm nichts mehr zu bieten. Alles scheint sinnlos, und kein Mensch kann ihm helfen.

Wie bei Natrium muriaticum, einer verwandten Arznei, geht es um eine große Enttäuschung mit der sicheren Überzeugung, diesen traurigen Zustand niemals überwinden zu können. Die passive Reaktion ist Abgestumpftsein.

Die Berliner Homöopathin Heike Dahl schildert den Fall eines Mannes, der nach 15 Ehejahren von seiner Frau verlassen wurde. Der große Kummer über diese endgültige Trennung hat dazu geführt, dass er an Gewicht verloren hat. Sein Gesicht ist blass und eingefallen mit dunklen Ringen unter den Augen, er sieht müde und traurig aus. Sein Anliegen äußert er folgendermaßen: „Ich brauche Scheißegaltropfen, sonst gehe ich kaputt! Bei mir geht es steil bergab. Ich glaube, ich bin nicht mehr zu retten. (…) Ich kann nichts Schönes mehr sehen, wenn andere mich darauf hinweisen, denke ich: Was für´n Scheiß! Ich bin wie in einer Starre, fühle mich von allem, was sie sagt, angegriffen, blocke völlig ab. Ich habe kein Ziel mehr. Ich bin völlig pessimistisch und kann das Positive nicht mehr sehen. Wenn die Kinder mich trösten wollen, mir was Schönes malen oder so, ich blocke alles ab, es interessiert mich nicht …“ (15) Ferner spricht er davon, dass er vollkommen eingeht, sich in einer Aktionsstarre befindet. Aggressivität und depressive Verstimmung wechseln sich ab. Er leidet unter Schlafstörungen, wacht nachts mehrfach auf und kann dann nicht mehr einschlafen. Und weiter: „Ich fühle mich so verlassen, alleine und hoffnungslos. Ich habe Angst, (…) ich habe das Gefühl, das Leben ist zu Ende. Die Welt geht unter.“ (16)

Lacrimae, eine bislang noch recht unbekannte Arznei, scheint ein Mittel zu sein, das in akuten, scheinbar ausweglosen Kummersituationen, in denen viele Tränen vergossen werden, entscheidend dazu beiträgt, den entgleisten Menschen zu stabilisieren – ein tränenreiches Natrium muriaticum.

Das Mittel wurde 2010 in Berlin blind verrieben und dabei geprüft. Das Verreibungsprotokoll kann im Internet eingesehen und heruntergeladen werden. (17) Die zentralen Themen sind: Depression, Empörung, Fassungslosigkeit, Sich-gehen-Lassen, Kummer, Leere, Machtlosigkeit, Trennung, Unfassbarkeit und häufiges Weinen.

Körperliche Symptome

Der seelische Schmerz geht einher mit Gewichtsverlust, Schlafstörungen, mangelndem Appetit und Durst. Weitere körperliche Symptome sind ein quälender Juckreiz am ganzen Körper, vor allem aber im Gesicht und im Bereich des Kopfes. Es besteht ein Kratzen im Hals mit belegter Stimme und eine Neigung zu Nackenverspannungen. Mitunter klagen die Patienten über ein Kältegefühl in Armen und Rücken. Seh- und Hörstörungen können ebenfalls vorkommen.

Folliculinum (Östron, Östrogenhormon) Foll.

Folliculinum, das Östrogen aus dem Ovarialfollikel, stellt den Anfang der Menschwerdung dar, insofern verwundert es nicht, dass es bei diesem „Muttermittel“ darum geht, den Anfang zu finden, mit einer Sache beherzt zu beginnen. Folliculinum-Menschen verharren innerlich, sind entscheidungsschwach, ohne eigenen Willen – es fehlt ihnen an Initiative und Entschlusskraft. Darüber hinaus weist Folliculinum einen deutlichen Bezug zu Bindungsproblemen zwischen Mutter und Kind auf sowie zu Abhängigkeitsverhältnissen ganz allgemein. Typisch für Folliculinum sind mangelnde Identität und Selbstzweifel bis hin zur Selbstverleugnung sowie die Unfähigkeit, eigenständig zu werden. Die Betroffenen haben größte Schwierigkeiten damit, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen oder gar zu artikulieren. Sie sind nicht in der Lage, Forderungen zu stellen. Auch können sie ihren „Raum“ nicht verteidigen, sich nicht abgrenzen, was sie anfällig für Übergriffe und Missbrauch macht. Wut und Aggressionen werden wie bei Staphisagria oder Columba palumbus nicht oder zumindest kaum gelebt.

Folliculinum ist dann angezeigt, wenn ein Mensch kein eigenes Autoritätsgefühl besitzt und nie gelernt hat, nein zu sagen. Er ist stets darum bemüht, sich so zu verhalten, wie es von ihm erwartet wird, möchte keineswegs auffallen – weder negativ noch positiv. Dabei ist er äußerst empfindlich gegenüber Kritik oder Bevormundung. Menschen, bei denen man an Folliculinum als Heilmittel denken könnte, weisen nicht selten ein Helfersyndrom auf und leben in erster Linie für die Erfüllung der Bedürfnisse anderer. Sie fühlen sich kontrolliert und unfrei, können sich mitunter nicht von der Mutter bzw. der Ursprungsfamilie lösen. Auf der anderen Seite tun sie sich schwer, echte Bindungen einzugehen, beispielsweise zum eigenen Kind. Laut Armin Seideneder ist Folliculinum bei Menschen mit starker Selbstkontrolle aus übertriebener Furcht oder Verantwortung angezeigt (18), damit ähnelt es Carcinosinum, der Nosode aus dem Mamm-Ca. Folgerichtig weist Seideneder daraufhin, dass man an Folliculinum denken muss, wenn starke Indikationen für Carcinosinum bestehen, dieses aber versagt wie z.B. „Sie fühlt sich von anderen kontrolliert; sie lebt die Erwartungen anderer; sie verliert sich völlig in ihren Beziehungen; sie lebt nicht in Einklang mit ihrem Rhythmus; sie fühlt sich emotional ausgelaugt; sie verliert ihren Willen; sie überschätzt ihre Energiereserven (…); sie ist voller Selbstverleugnung; wird eine Retterin, gefangen darin, andere zu erretten.“ (19)
In einem Folliculinum-Fall der holländischen Homöopathin Alize Timmerman geht es um eine Frau, die wegen Migräne und stechenden Unterbauchschmerzen auf Höhe der Eierstöcke in Behandlung kam. Aufgrund einer Ovarialzyste und eines großen Myoms hatte sie sich einer Hysterektomie unterziehen müssen. Die Kopfschmerzen traten alle zwei Wochen auf, waren v.a. rechtsseitig und gingen mit Photophobie, Übelkeit und Erbrechen einher. Zudem litt die Patientin unter starkem Brustspannen und Wassereinlagerungen. Sie äußerte, die abdominellen Schmerzen seien am schlimmsten gewesen, als ihr Sohn sein Studium abgebrochen hatte: „Ich habe alles getan, alles gegeben, was ich konnte … das geht über meine Grenzen. Ich sollte eigentlich wütend werden über die ganze Situation, bin aber nur ein bisschen böse.“ (20) Sie hatte das Gefühl, in ihrer Fürsorge missbraucht worden zu sein. Lange Zeit hatte sie sowohl ihre körperlichen als auch ihre seelischen Probleme hintangestellt und gedacht, das gehe schon vorüber. Die Patientin wirkte auf den ersten Blick wie eine Pulsatilla-Frau: weiblich und warmherzig. Folliculinum hat ihr physisch und psychisch sehr geholfen.

Dieses „Muttermittel“ verleiht die Fähigkeit, Macht über sich selbst zu bekommen und einen eigenen Willen zu entwickeln. Es spendet Wissen darüber, dass es ein Selbst gibt, welches man beanspruchen kann und vor allem darf.

Körperliche Symptome

Folliculinum wirkt in erster Linie auf das weibliche Hormonsystem mit Zyklusstörungen, Dysmenorrhoe, zyklusabhängiger Migräne, Brustschwellung vor den Menses, trockener Vaginalschleimhaut und klimakterischen Beschwerden wie Hitzewallungen und Schweißausbrüchen. Die einzelnen Symptome treten in der Regel vor den Menses oder im Vorfeld der Ovulation auf. Auch die Haut kann betroffen sein mit Akne, Hautjucken, seborrhoischem Ekzem und empfindlichen, eingerissenen Fingerspitzen. Zudem besteht eine Neigung zu kalten Extremitäten mit Morbus Raynaud. Im Bereich der Genitalien und des Harntrakts kommt es zu rezidivierendem Candida-Befall und zu wiederkehrenden Zystitiden.

Das Mittel hat autoaggressive Züge, was sich auch körperlich bemerkbar macht, in Form von Autoimmunkrankheiten wie Sklerodermie. Infertilität aufgrund fehlender Eisprünge gehört ebenfalls zum Mittelbild, desgleichen Zysten, Tumore, Fibrome und Myome.

Fazit

Diese bescheidene Auswahl unterschiedlichster Mittel aus verschiedenen Naturreichen zeigt, dass es trotz gewisser Überschneidungen wie enttäuschte Liebe, Verlassenheitsgefühle, Gefühl der Wertlosigkeit und der seelischen Verletzung doch deutliche Differenzierungsmöglichkeiten sowohl auf der psychischen als auch auf der physischen Ebene gibt. Entscheidend ist es, bei jedem Patienten den „roten Faden“ zu suchen, das Eigentümliche, das ihn von allen anderen Patienten unterscheidet. Dieses Besondere, Einzigartige muss mit einem Mittel in Verbindung gebracht werden, für das genau diese spezifische Kombination charakteristisch ist. Was den Menschen in seiner Gesamtheit und Individualität ausmacht, muss auch das Mittel ausmachen. Oder anders ausgedrückt: Was beim Patienten herausragend ist, muss typisch für die Arznei sein. Nur dann wird sie dem Patienten helfen, sein „Herzeleid“ und die daraus resultierenden körperlichen Beschwerden zu überwinden.

Die Mitteldarstellungen sind eine Kurzform meines 2015 im Haug Verlag erschienen Buches „Kummermittel in der Homöopathie“, das 70 Mittel aus unterschiedlichen Reichen mit Bezug zu Kummer und Trauer vorstellt. Die Aussagen werden anhand exemplarischer Rubriken verifiziert.

Anmerkungen:
(1) Nach Radar 10.5.003
(2) Rajan Sankaran: Intensivkurs Homöopathie, S. 213
(3) Einteilung nach Jan Scholten
(4) Rajan Sankaran: Struktur. Erfahrungen mit dem Mineralreich. Bd. 1, S. 217 
(5) Anne Schadde: Lithium carbonicum. Eine homöopathische Studie
(6) Sankaran hat neben den herkömmlichen Miasmen fünf weitere in die Homöopathie eingeführt: Typhus, Ringworm, Malaria, Krebs und Lepra.
(7) Sankaran hat neben den herkömmlichen Miasmen fünf weitere in die Homöopathie eingeführt: Typhus, Ringworm, Malaria, Krebs und Lepra.
(8) Rajan Sankaran: Die Seele der Heilmittel, S. 102
(9) Siehe: Rajan Sankaran: Einblicke ins Pflanzenreich. Bd. 1, S. 309
(10) Siehe: Frans Vermeulen: Synoptische Materia Medica 2, S. 480
(11) Jonathan Shore: Vögel, S. 47
(12) Peter Fraser: Vögel in der Homöopathie, S. 239
(13) Peter Fraser: Vögel in der Homöopathie, S. 238
(14) Siehe: Bhawisha und Shachindra Joshi: Nosoden & Naturkräfte in der Homöopathie, S. 30
(15) Heike Dahl: Verzweiflung, Kummer, Trennungsschock. In: Homoeopathia viva 2/2012, S. 40
(16) Heike Dahl: Verzweiflung, Kummer, Trennungsschock. In: Homoeopathia viva 2/2012, S. 40
(17) Siehe: http://c3-in-berlin.blogspot.de/2011/01/traenen-von-7-personen.html
(18) Armin Seideneder: Mitteldetails der homöopathischen Arzneimittel. Bd. 2, S. 2512
(19) Melissa Assilem, zitiert nach: Armin Seideneder: Mitteldetails der homöopathischen Arzneimittel. Bd. 2, S. 2512 
(20) nach: Ruth Rohde: Kinderwunsch. In: Homoeopathia viva 2/2012, S. 19

Literatur

  • Assilem, Melissa: Muttermittel in der Homöopathie. Narayana Verlag. Kandern, 2012
  • Joshi, Bhawisha und Shachindra: Nosoden & Naturkräfte in der Homöopathie. Narayana Verlag. Kandern, 2010
  • Dahl, Heike: Verzweiflung, Kummer, Trennungsschock. In: Homoeopathia viva 2/2012
  • Fraser, Peter: Vögel in der Homöopathie. Narayana Verlag. Kandern, 2013
  • Sankaran, Rajan: Das andere Lied. Homoeopathic Medical Publishers. Mumbai, 2009
  • Sankaran, Rajan: Intensivkurs Homöopathie. Narayana-Verlag. Kandern, 2015
  • Sankaran, Rajan: Struktur. Erfahrungen mit dem Mineralreich. Bd. 1. Homoeopathic Medical Publishers. Mumbai, 2009
  • Schadde, Anne: Lithium carbonicum. Eine homöopathische Studie. Müller & Steinicke. München, 2000
  • Seideneder, Armin: Mitteldetails der homöopathischen Arzneimittel. Similimum- Verlag. Ruppichteroth, 2000
  • Shore, Jonathan: Vögel. Narayana Verlag. Kandern, 2010
  • Zimmermann, Dorit: Kummermittel in der Homöopathie. Haug Verlag. Stuttgart, 2015
  • Zimmermann, Dorit: Muttermittel in der Homöopathie. In: Comed Mai/2013
Dorit Zimmermann
von Dorit Zimmermann 17. November 2025
Zimmermann, Dorit: Kummermittel in der Homöopathie. Haug Verlag. Stuttgart, 2015 Zimmermann, Dorit: Wege aus der Schmerzspirale - mvg Verlag Zimmermann, Dorit: Kindersprechstunde bei Doktor Natur: Mit heimischen Kräutern Kinderkrankheiten vorbeugen und behandeln | Knaur MensSana HC Zimmermann, Dorit: Frauen-Heilkräuter: Wohlfühlen, gesund bleiben und heilen mit der Kraft heimischer Pflanzen Br | Knaur MensSana HC
Ausschnitt einer Mutter, die ihr Kind in ihrer Wohnung stillt
von Dorit Zimmermann 17. November 2025
Muttermittel in der Homöopathie Bei Menschen, die ein Muttermittel benötigen, liegt häufig eine Bindungsstörung in der frühen Kindheit vor, sodass sich das dringend erforderliche Urvertrauen in sich und das Leben nicht oder nur unzureichend ausbilden konnte. ((BU))
Nahaufnahme einer Waldameise
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Formica rufa, die Rote Waldameise, ist ein wichtiges Heilmittel bei rheumatischen Gelenkbeschwerden mit Besserung durch Wärme.
viele homöopathische Globuli, die von Hebammen verwendet werden.
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Grenzen der Homöopathie Die Homöopathie stößt dort an ihre Grenzen, wo eine Regeneration nicht mehr möglich ist. Wenn eine Krankheit bereits so weit fortgeschritten ist, dass eine Heilung ausgeschlossen ist, kann auch die Homöopathie nur noch palliativ, sprich lindernd wirken. Dies erleben wir beispielsweise bei schweren zerstörerischen Krankheiten wie Krebs. Aber auch ein amputiertes Bein kann selbst mit dem bestgewählten homöopathischen Mittel nicht mehr nachwachsen. Diese Fälle, so tragisch sie im Einzelnen auch sein mögen, sind nicht typisch für die tägliche Praxis. Grenzen des Homöopathen Viel häufiger erleben wir den Fall, dass der Therapeut selbst an seine Grenzen stößt, was nicht immer mit mangelnder Erfahrung zu tun hat. Auch versierte Homöopathen mit langjähriger gutgehender Praxis kommen oft nicht weiter, finden das passende homöopathische Mittel nicht. Auch dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Grenzen des Patienten Der Patient und das, was er dem Therapeuten erzählt, sind der Schlüssel zum Simillimum, sprich zum passenden Arzneimittel, welches den entscheidenden Anstoß zur Heilung gibt. Und hier liegt die Verantwortung des Patienten: Je genauer er sich beobachtet, in sich hineinblickt und je treffender die Worte sind, die er für seine Beschwerden wählt, desto leichter fällt es dem Therapeuten, eine Beziehung zwischen dem Leiden des Patienten und einem bestimmten Arzneimittel herzustellen. Andersherum formuliert muss man leider sagen, wenn der Patient aus welchen Gründen auch immer, die entscheidenden Symptome und Empfindungen für sich behält, hat der Homöopath wenig Chancen, das richtige Mittel zu finden. Auch das ist ein Lernprozess – so wie der Homöopath sein Handwerkszeug erlernen muss, so muss auch der Patient erst allmählich lernen, sich genau zu beobachten, in sich hineinzuspüren und das Empfundene in passende Worte zu kleiden. So gesehen ist die Homöopathie ein Weg, den Patient und Therapeut gemeinsam gehen. Das Ziel heißt Verstehen und letztlich Heilung. Je schwerwiegender ein Leiden ist, desto länger mag der Weg sein. In jedem Fall sind aber Vertrauen und Geduld erforderlich sowie eine realistische Vorstellung davon, was mit der Homöopathie erreicht werden kann und in welchem Zeitraum. Möglichkeiten der Homöopathie Unter Berücksichtigung der oben beschriebenen Sachverhalte sind die Möglichkeiten der Homöopathie grenzenlos. Jeder der bereits einschlägige Erfahrungen mit der Homöopathie gemacht hat, wird dies bestätigen.
Haufen Salz
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Eines der ganz großen Homöopathika ist das potenzierte Kochsalz, Natrium muriaticum, eine häufig verordnete Arznei bei tiefem Kummer ohne Tränen. ((BU)) Wenn zwei gegensätzlich geladene chemische Elemente eine Verbindung miteinander eingehen, spricht man von einem Salz (Salz, Sal: heteropolare, anorganische oder organische chemische Verbindung mit einem aus Kationen und Anionen bestehenden Kristallgitter). Nicht immer herrscht Harmonie zwischen beiden Polen, mitunter sind diese Vereinigungen spannungsgeladen und explosiv. Und doch arrangiert man sich, wächst zusammen und bildet eine neue Einheit. So empfinden auch die Menschen, deren Heilmittel ein Salz ist – zwei Seelen wohnen in ihrer Brust und sorgen dort für innere Konflikte, Verwirrung, Unentschlossenheit und Unausgeglichenheit, je nachdem wie gegensätzlich die Partner sind. Doch stets handelt es sich um tiefwirkende Arzneimittel, ideal für chronische oder seelische Beschwerden. Salze sind Ionenverbindungen, sie entstehen durch Abgabe und Aufnahme von Elektronen. Das Elektronen abgebende Element weist eine positive Ladung auf (+), man nennt es Anion, das Elektronen aufnehmende Element verfügt über eine negative Ladung (-) und wird Kation genannt. Wenn man das Periodensystem betrachtet, stellt man fest, dass Salze sich aus Elementen der linken Seite des Periodensystems und denen der rechten Seite zusammensetzen, häufig sogar rechts und links der Mitte. Bekannte Beispiele sind Natrium muriaticum oder Magnesium phosphoricum. Die Gegensätzlichkeit beider Partner spiegelt sich auch im Wesen der Menschen wider, die ein Salz als Heilmittel benötigen. Die meisten Salze, mit Ausnahme der Halogensalze (Kombinationen mit Fluor, Chlor, Brom, Iod etc.) enthalten zusätzlich noch Sauerstoff (Oxygenium), bestehen also aus drei Elementen. In diesem Fall müssen die charakteristischen Symptome von Oxygenium bei dem betreffenden Menschen ebenfalls erkennbar sein. Charakteristische Symptome von Oxygenium Alles selbst tun wollen Verlangen nach Freiheit und Unabhängigkeit Mangelndes Selbstwertgefühl Gefühl, die eigenen Leistungen würden nicht ausreichend gewürdigt Braucht viel Raum zum Atmen Die Homöopathie und das Periodensystem Chemische Verbindungen haben immer acht Elektronen auf der Außenschale, das heißt, ein Element, das sechs Elektronen auf der Außenschale aufweist, sucht sich einen Salz-Partner mit zwei Außenelektronen, um die erforderlichen acht zu erreichen. Wenn man sich bei dem Verständnis der Salze und ihrer Elemente auf das Periodensystem und dessen Interpretation von Jan Scholten (niederländischer Homöopath, der sich intensiv mit dem Periodensystem und dessen Bedeutung für die Homöopathie beschäftigt hat) bezieht, so hat man acht Reihen (Serien) und 18 Spalten (Stadien) mit unterschiedlichen Entwicklungsstufen und Themen, an denen man sich orientieren kann. Etwas vereinfacht formuliert, durchlaufen die Reihen die einzelnen Lebensabschnitte, wobei die Wasserstoff-Serie (erste Reihe) dem Leben im Mutterleib entspricht und die Uranium-Serie (siebte Reihe) dem hohen Alter. Bei den Spalten erkennt man eine Entwicklung von links nach rechts – immer in Bezug auf das Thema der Reihe. Ganz links fängt die Entwicklung gerade an, in der Mitte ist der Höhepunkt erreicht und ganz rechts ist der Verlust des einmal Erreichten schon weit fortgeschritten. Die Themen der einzelnen Reihen Erste Reihe (Wasserstoff-Serie): Empfängnis und Existenz, Frage: Bin ich oder bin ich nicht? Zweite Reihe (Kohlenstoff-Serie): Geburtsprozess, Trennung, Frage: Bin ich ein Teil von etwas/jemandem oder bin ich getrennt? Dritte Reihe (Silicium-Serie): Identität und Versorgung, Frage: Wer bin ich? Vierte Reihe (Eisen-Serie): Sicherheit und tägliche Aufgaben, Routine Fünfte Reihe (Silber-Serie): Kreativität und Leistung, Neues erschaffen Sechste Reihe (Gold-Serie): Verantwortung für andere, Macht und Herrschaft Siebte Reihe (Uranium-Serie): Pflicht und Verantwortung bis zur eigenen Zerstörung Die linke Seite des Periodensystems Die Elemente auf der linken Seite des Periodensystems haben nur ein oder zwei Elektronen auf ihrer Außenschale, sie sind von dem Ziel, acht Elektronen zu erreichen, noch sehr weit entfernt – je weiter links desto mehr. Übertragen auf die Empfindung der Menschen, die ein Mineral als homöopathisches Arzneimittel verordnet bekommen, bedeutet das: Sie haben das Gefühl, auf ihrem Weg noch ganz am Anfang zu stehen, noch keine wesentlichen Fortschritte bezüglich der Thematik ihrer Reihe (siehe oben) gemacht zu haben. Menschen, die ein Element aus den ersten beiden Spalten brauchen (wie Hydrogenium, Lithium, Natrium, Magnesium, Kalium, Calcium oder Barium), lassen in ihrem Verhalten und in ihrer Bewältigungsstrategie eine mehr oder weniger große Abhängigkeit von anderen Personen erkennen. Je weniger Außenelektronen das jeweilige Element besitzt, das sie benötigen, desto ausgeprägter ist das Gefühl eines Mangels auf diesem Gebiet. Sie fühlen sich nicht in der Lage, die Thematik ihrer Reihe ohne fremde Hilfe bewältigen zu können. Die rechte Seite des Periodensystems Bei den Elementen rechts der Mitte ist der Zenit bereits überschritten. Ab vier Außenelektronen besteht das Gefühl, etwas aus eigener Kraft erreicht zu haben, nicht auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Je weiter rechts das Element steht, desto mehr wächst die Furcht, das bereits Erreichte wieder zu verlieren. Dazu zählen Phosphorus, Sulphur, Arsenicum, Argentum, Aurum und Plumbum, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit zunehmender Elektronenzahl und Atommasse nimmt die Anziehungskraft zu, mit welcher die Elektronen zum Kern gezogen werden. Je mehr Elektronen ein Atom auf der Außenschale hat, umso dichter wird es. Insofern stellt der Handel zwischen den beiden Elementen nicht unbedingt ein faires Geschäft dar: Der Partner, der weniger zu geben hat (links der Mitte), ist nicht so geizig wie der, der seine Schale fast voll hat (rechts der Mitte). Letzterer wird alles daransetzen, seine erarbeiteten Besitztümer für sich zu behalten und zu mehren. Insofern sind die Elemente auf der linken Seite auf die Almosen und die Unterstützung der Elemente auf der rechten Seite angewiesen, welche sich schwer tun, zu geben. Für sie ist es viel leichter, noch etwas mehr zu nehmen, als all das herzugeben, was sie sich bereits gesichert haben. Wir sehen das am Grad des Besitzdenkens und der Ausbildung des Egos rechts der Mitte. Dort ist das Bewusstsein für die eigene Identität wesentlich stärker ausgeprägt, was deutlich wird, wenn wir uns die Arzneimittelbilder von Phosphorus oder Sulphur anschauen, um zwei prominente Beispiele zu nennen. Wann ist ein Mineral ein Salz? Das Ziel der Salze ist Stabilität, die sie durch die Verbindung mit einem passenden Partner erwerben – kein Problem für die linke Seite, denn sie hat nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen – allerdings um den Preis der Abhängigkeit. Die rechte Seite hingegen muss das Erreichte teilen, was als beengend empfunden wird. Wie bereits erwähnt, bestehen Salze aus mindestens zwei Elementen, wobei das eine auf der linken Seite des Periodensystems angesiedelt ist, das andere auf der rechten, wobei die Abstände nicht immer so groß sein müssen wie bei Natrium muriaticum (siehe Aurum arsenicosum). Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder stammen beide Partner aus derselben Reihe oder aus zwei unterschiedlichen Reihen. Im ersten Fall steht der betreffende Mensch unter dem Einfluss der Thematik einer einzigen Reihe, er hat folglich bezüglich des gleichen Themas eine unterentwickelte abhängige und eine weiter entwickelte unabhängigere Seite in sich, was sich durch widersprüchliches oder wechselhaftes Verhalten äußert bzw. durch zwei unterschiedliche Bewältigungsmechanismen. Typische Beispiele dieser Kombination wären Natrium muriaticum, Magnesium phosphoricum oder Calcium arsenicosum. Im letzteren Fall werden Empfindung und Reaktionsmuster von zwei verschiedenen Reihen beeinflusst, dazu zählen Mittel wie Barium carbonicum, Beryllium muriaticum oder Kalium sulphuricum. Der indische Homöopath Rajan Sankaran sagt dazu, ein Salz sei nur dann indiziert, „wenn wir sehen, dass auf der Empfindungsebene die Merkmale des einen Elements immer von denen des anderen Elements begleitet werden“ (1). Es handelt sich folglich nicht um ein Nebeneinander von Symptomen, sondern um eine Verquickung: Aus den beiden Ausgangssubstanzen entsteht eine neue Einheit, die der Individualität des jeweiligen Menschen entspricht. Beispiele aus der Welt der Salze Natrium muriaticum Bei dem bekannten homöopathischen Mittel Natrium muriaticum (Kochsalz) handelt es sich um die Vereinigung zweier Elemente aus der dritten Reihe des Periodensystems. Natrium steht ganz links, Muriaticum, auch Chlorum genannt, in der 17. Spalte, also fast ganz rechts. Bei dem betreffenden Menschen geht es um die Themen: Identität (Wer bin ich? Wie sehen mich die anderen?), Versorgung, Familie und Beziehung (ich und die anderen). Durch den Natrium-Anteil ist das Bewusstsein für die eigene Identität noch nicht entwickelt. Der Betreffende ist komplett abhängig von einer Bezugsperson (Mutter, Vater, Partner), er traut sich nicht zu, allein durchs Leben zu gehen. Es besteht ein großes Bedürfnis nach Liebe und Fürsorge. Auch das Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit ist noch nicht vorhanden, typisch sind Fragen wie „Was soll ich wählen?“ „Wie soll ich mich entscheiden?“ „Was soll ich sagen?“. Insofern besteht eine immense Abhängigkeit vom Partner, ohne den sich der Betreffende völlig hilflos fühlt – seiner Identität beraubt. Auch sind die Erwartungen an den Partner vergleichbar denen, die an die Mutter gestellt werden: Er soll bedingungslos lieben, jeden Wunsch von den Augen ablesen etc. Der Muriaticum-Anteil führt dazu, dass die unvermeidliche Enttäuschung im Sinne eines Betrugs erfahren wird. Laut Rajan Sankaran empfindet der Nat-m.-Mensch folgendermaßen: “Ich werde von der Person, der ich vertraue, von der ich abhängig bin und die ich liebe, im Stich gelassen, verraten oder enttäuscht.“ (1) Durch das Element auf der rechten Seite des Periodensystems wird der Verlust oder die Angst vor dem vermeintlichen Verlust desjenigen Menschen, von dem eine überstarke Abhängigkeit besteht (linke Seite) als besonders schmerzlich erlebt. Auf der anderen Seite besteht das Verlangen, diese Abhängigkeit abzustreifen, ihr zu entfliehen. Das Anion zeigt hier die Bedürftigkeit an, das Kation (in dem Fall ein Halogen) den Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit. Menschen, die Nat-m. als konstitutionelles homöopathisches Mittel benötigen, befinden sich ständig in diesem polaren inneren Konflikt: einerseits abhängig und bedürftig, andererseits getrieben von dem Verlangen, frei und unabhängig zu sein. Kalium carbonicum Bei Kalium carbonicum (Pottasche) handelt es sich um ein Salz, das aus zwei Elementen unterschiedlicher Reihen besteht: der zweiten und der vierten Reihe. Hier sind folglich zwei verschiedene Themen miteinander verwoben. Kalium befindet sich wie Natrium in der ersten Spalte, weist folglich eine ebenso große Abhängigkeit auf, allerdings in Bezug auf ein anderes Thema, denn es steht in der vierten Reihe. Hier geht es um die tägliche Arbeit, um Pflicht und Ordnung sowie um die notwendige Routine bei der Ausübung der beruflichen oder schulischen Tätigkeit. Der Betreffende weiß um seine Identität, kann auch selbst für sich sorgen, verspürt aber eine sehr starke Bindung zur Familie, sodass sich das ganze Leben – alles Sinnen und Trachten – um die eigene Sippe dreht. Im Gegensatz zu Natrium ist es hier nicht die einzelne Bezugsperson, die wie eine Mutter vereinnahmt wird, sondern die Gruppe – der Familienverband. Der Hintergrund: Der Betreffende hat Angst, allein zu sein. Das Aufstellen fester Regeln und Gesetze, an die sich alle Familienangehörigen zu halten haben, schafft die Sicherheit, die der Kalium-Mensch zum Überleben braucht. Carbonicum (Kohlenstoff) steht in der zweiten Reihe relativ in der Mitte. Hier geht es um den Geburtsprozess, um die Trennung von der Mutter. Der Betreffende weiß, dass er sich trennen muss, dass er den „schützenden Mutterleib“ verlassen muss, aber er traut es sich nicht zu, kann keine Trennung ertragen. An dieser Stelle wird deutlich, wie nahtlos diese beiden unterschiedlichen Elemente ineinandergreifen und sich gegenseitigen beeinflussen: Der Carbon-Anteil beinhaltet die Angst und Unfähigkeit, sich zu trennen und der Kalium-Anteil den Bezug zur Familie. Hier besteht also die Urangst, von der Sippe getrennt zu werden und auf sich selbst gestellt zu sein. Aurum arsenicosum Aurum (Gold) befindet sich an der Schnittstelle von sechster Reihe und 11. Spalte, also jenseits der Mitte. In Reihe sechs geht es um Verantwortung und Macht. Die 11. Spalte zeigt an, dass der Höhepunkt des Erreichbaren bereits überschritten ist und der Betreffende im Begriff ist, die Machtposition, die er sich erarbeitet hat, Stück für Stück zu verlieren. Da sich der Aurum-Mensch aber über seine Position und Verantwortung definiert, stürzt ihn deren drohender Verlust in tiefste Abgründe – ein Leben scheint dann nicht mehr vorstellbar. Mit Arsenicum hat das Schwermetall einen Partner aus der vierten (Arbeiter-) Reihe, wobei Arsen noch weiter rechts angesiedelt ist: in der 15. Spalte. Der Verlust ist schon recht weit fortgeschritten und man kann nichts dagegen tun. Konkret geht es um die Furcht vor dem Verlust materieller Sicherheit und des Arbeitsplatzes. Der Betreffende versucht verzweifelt, das einmal Erreichte festzuhalten, aber es gelingt ihm nicht. Er fühlt sich ohnmächtig und vollkommen hilflos. Bei Aurum arsenicosum handelt es sich um ein Salz aus zwei Elementen rechts der Mitte, die thematisch nicht allzu weit entfernt sind: In beiden Fällen geht es um die Stellung im Arbeitsleben. Durch die Kombination wird klar, dass der Betreffende nicht nur um seine Verantwortung und seine Machtposition bangen muss, sondern auch um die materielle Sicherheit, die mit dem drohenden Verlust des Arbeitsplatzes zwangsläufig einhergeht. Typisch ist die große Angst und Unruhe, mit der der Aur-ar.-Mensch diesen Prozess begleitet. Fazit Bei der Beschreibung der einzelnen Salze wurde bewusst auf ein detailliertes Arzneimittelbild verzichtet. Es geht nicht darum, die jeweiligen Symptome der Mittel darzustellen, sondern die Idee der Elemente und ihrer Verbindungen in Bezug zu den Themen der Reihen und Spalten des Periodensystems herauszuarbeiten. Jan Scholten und Rajan Sankaran haben hier wertvolle Pionierarbeit geleistet. Literatur: Joshi, Bhawisha: Homöopathie und die Struktur des Periodensystems. Narayana Verlag. Kandern, 2010 Sankaran, Rajan: Struktur. Erfahrungen mit dem Mineralreich, Bd. 1 und 2. Homeopathic Medical Publishers. Mumbai, 2009 (1) Scholten, Jan: Homöopathie und Minerale. Utrecht, 1993
Junge, traurige Frau im Büro, die ein Problem hat.
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Wie Glück oder Freude ist auch der Schmerz fester Bestandteil unseres Lebens. Chronische Schmerzen sind allerdings schwer zu ertragen, sie machen uns hilflos und ohnmächtig. Die Homöopathie kann hier unterstützend eingesetzt werden. ((BU))
trauriger kleiner Junge, Stress und Erschöpfung der Kinder
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Bei ADHS ist die Reizschwelle herabgesetzt.
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Jeder Infekt stärkt die körpereigene Abwehr.