Depressionen und Angststörungen im Kindes- und Jugendalter

von Dorit Zimmermann • 19. Mai 2025

An Natrium muriaticum sollte man denken, wenn Kinder und Jugendliche in ihrem eigenen Kummer gefangen sind. 

Von wegen unbeschwerte Zeit

Seelische Störungen oder manifeste psychische Erkrankungen können bereits im Kindes- und Jugendalter auftreten. Sogar Babys leiden schon unter Depressionen. Laut einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts zeigen in Deutschland rund 20 Prozent aller unter 18-Jährigen psychische Auffälligkeiten – mit zunehmender Tendenz. Die Ursachen dafür liegen meist in der Schwangerschaft, der Geburtssituation oder in der frühen Kindheit, weshalb diese basalen Entwicklungsphasen im Leben eines Kindes in der homöopathischen Anamnese besonders aufmerksam betrachtet und analysiert werden.

Wodurch wird ein Kind depressiv?

Zunächst besteht eine gewisse genetische Disposition: Ein Kind mit einer depressiven Mutter oder einem seelisch kranken Vater hat ein höheres Risiko, selbst depressiv zu werden. Es wird aber davon ausgegangen, dass v.a. bei jüngeren Kindern die psychosozialen Faktoren im Vordergrund stehen. „Kinder brauchen den Widerhall im Gegenüber, sie müssen glänzende Augen bei ihren Eltern oder auch (bei) Oma oder Opa sehen, die sagen: „Wow, toll, dass es dich gibt, du bist das Größte für mich!“ (1) Der Grundstein für eine spätere depressive Neigung wird häufig bereits in der Schwangerschaft, unter der Geburt oder in der Neugeborenphase gelegt. Aufgrund der Symbiose zwischen Mutter und Kind während der Geburt gilt: „Alles, was die Mutter seelisch beim Geschehen des Geburtsvorgangs erlebt, können wir ohne Abstriche auch für das Kind annehmen.“ (2) Ein gestörtes oder gar fehlendes Bonding nach der Geburt kann beim Kind zu gravierenden seelischen Schäden führen. In jedem Fall bedeutet es einen schlechten Start ins Leben. Manche Menschen leiden bis an ihr Lebensende an der fehlenden Nestwärme in den ersten Wochen, Monaten oder Jahren – trotz Psychotherapie.

Mögliche Ursachen für psychische Störungen von Kindern und Jugendlichen

  • Ungewollte Schwangerschaft (evt. mit Adoption)
  • Psychischer Stress während der Schwangerschaft
  • Schreck oder Schock (während der Schwangerschaft oder danach)
  • Alkohol- oder Drogenabusus der Mutter während der Schwangerschaft
  • Wochenbettdepression
  • Depressionen in der Familie
  • Traumatisierende Geburtserfahrung mit fehlendem Bonding
  • Trennungserfahrung in der Kindheit oder im Jugendalter (Trennung der Eltern)
  • Schwere Krankheiten in der Familie
  • Tod eines oder beider Elternteile
  • Emotionale Vernachlässigung
  • Missbrauch oder Gewalt
  • Überzogene Erwartungshaltung von Seiten der Eltern
  • Mobbing in der Schule
  • Liebeskummer

Woran erkennt man, dass ein Kind unter Depressionen leidet?

In den ersten Lebensjahren sind depressive Kinder meist apathisch und teilnahmslos. Kindergartenkinder ziehen sich zurück, beteiligen sich nicht am gemeinsamen Spiel. Typisch sind Schlafstörungen, begleitet von nächtlicher Unruhe und wiederholten Alpträumen. Die Kinder sind häufig entwicklungsverzögert, essen schlecht, sind auffällig ängstlich und extrem anhänglich. Neben den stillen, passiven Kindern, gibt es auch die sehr unruhigen, wilden. Diese schlagen mit dem Kopf gegen Bettgestell, Wand oder Boden, verletzen sich selbst und/oder reißen sich die Haare aus. Im Umgang mit anderen sind sie wenig kompromissfähig, streiten viel und agieren destruktiv. Ess- und Schlafstörungen sind auch im Schulalter ein wichtiger Indikator für ein seelisches Leiden. Häufig klagen diese Kinder über rezidivierende Kopf- und Bauchschmerzen unklarer Genese. Alarmierend ist auch ein Regredieren in Form von Einnässen, Einkoten oder Daumenlutschen.

Das Spiel gibt wichtige Hinweise für die seelische Gesundheit eines Kindes. Kai von Klitzing, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie, hat beispielsweise herausgefunden, dass die Rollenspiele depressiver Kinder häufig schlecht ausgehen – das Happy End fehlt. Auch erzählen diese Kinder zu Hause, keiner wolle mit ihnen spielen, auch wenn dies nicht den Tatsachen entspricht. Sie fühlen sich ungeliebt und unverstanden.

Je älter Kinder werden, desto deutlicher treten körperliche und psychische Symptome einer Depression zutage. Ab dem Schulalter denken Kinder zunehmend über ihre Gemütsverfassung nach, sie beginnen diese zu reflektieren. Ihre Niedergeschlagenheit wird ihnen immer bewusster, sie spüren deutlich, dass sie anders sind als die Klassenkameraden, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Während die einen still und in sich gekehrt sind, reagieren andere mit Hyperaktivität und clowneskem Verhalten, um ihre Traurigkeit zu kompensieren. Beiden Gruppen gemeinsam ist eine gedrückte Grundstimmung: Sie haben keine rechte Freude am Leben.

Suizidgedanken oder -versuche werden mit zunehmendem Alter immer konkreter, v.a. bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren. Schätzungen zur Folge versucht jeder zehnte depressive Jugendliche mindestens einmal, sich ernsthaft das Leben zu nehmen. (3) In der Pubertät ist es besonders schwer, eine Depression zu erkennen und zu diagnostizieren. Das Stimmungsbarometer geht in dieser schwierigen Lebensphase ohnehin ständig rauf und runter. Pubertierende Jugendliche hadern häufig mit sich und der Welt, sind latent unzufrieden und orientierungslos. Auch lassen sie sich nicht gerne in die Karten schauen, ziehen sich in ihre eigene Welt zurück und verweigern gutgemeinte Hilfsangebote von Seiten der besorgten Eltern. Typische Anzeichen einer Depression in diesem Alter sind gravierende Essstörungen wie Bulimie oder Anorexie sowie anhaltende Schlafstörungen, aber auch latente Traurigkeit, Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit. Selbstverletzende, autoaggressive Tendenzen treten vor allem bei Mädchen zwischen 12 und 15 Jahren verstärkt auf. Dazu zählen Ritzen, Zigaretten auf der bloßen Haut ausdrücken, auf die heiße Herdplatte fassen, sich beißen oder schlagen und sich die Haut an den Fingerspitzen abreißen. Während Jungen ihre Aggressionen eher nach außen bringen, richten Mädchen ihre negativen Gefühle vermehrt gegen sich selbst.

Mögliche Behandlungsansätze

Natürlich sind die Grenzen zwischen einer vorübergehenden seelischen Verstimmung und einer manifesten Depression fließend. Und es hängt vor allem von der Dauer und der Schwere der Symptomatik ab, ob ernsthafter Behandlungsbedarf besteht. Schulmedizinisch ist für Kinder unter sechs Jahren keine Behandlung bei seelischen Erkrankungen vorgesehen. Psychopharmaka verbieten sich im Kindesalter ohnehin. Dennoch ist eine Psychotherapie auch bei kleinen Kindern sinnvoll und wichtig, um frühzeitig einzulenken. Auch die Klassische Homöopathie bietet im Falle einer chronischen Behandlung kompetente Hilfe und Unterstützung in jedem Lebensalter.

Klassische Homöopathie bei Depressionen

In der Klassischen Homöopathie gehen wir immer vom Individuum aus, d.h. entscheidend für die Verordnung des passenden Heilmittels ist die persönliche Geschichte des Patienten, seine individuelle Wahrnehmung und Empfindung sowie die Symptome, die der kranke Organismus an die Oberfläche bringt. Mögliche Erlebnisse oder Erfahrungen, die zu einer Depression im Kindes- und Jugendalter führen können, sind beispielsweise:

  • In der frühen Kindheit verstirbt die Mutter des Kindes an Krebs. Das Kind muss mit dem Verlust und der Trauer um die Mutter fertig werden. Der Vater, selbst überwältigt von dem großen Schmerz, ist komplett überfordert mit der Betreuung des kleinen Kindes. Das Kind fühlt sich mit seinem Schmerz allein, weil der Vater selbst in seiner Trauer und seinem Kummer gefangen ist (siehe: Natrium muriaticum)
  • In der Familie sind mehrere Kinder. Der Vater verlässt die Mutter und diese steht allein mit zwei oder drei Kindern da. Das älteste Kind, eine Tochter, fühlt sich verantwortlich für die jüngeren Geschwister, versucht die Mutter zu unterstützen, ihr den Partner zu ersetzen (siehe: Carcinosinum).
  • Ein Kind wird Zeuge tätlicher Auseinandersetzungen der Eltern. Es muss mitansehen, wie der Vater, den es trotz allem liebt, die Mutter misshandelt oder gar missbraucht (siehe: Stramonium).
  • Die Mutter erlitt während der Schwangerschaft einen großen Schreck oder Schock, das Kind im Mutterleib nimmt unmittelbar daran Teil (siehe: Stramonium).
  • Ein junges Mädchen unter 18 Jahren wird ungewollt schwanger, sie ist alkohol- und drogenabhängig, gibt das Kind nach der Geburt zur Adoption frei. Es findet keine positive Bindung während der Schwangerschaft und auch kein Bonding nach Geburt statt (siehe: Muttermittel)
  • Mobbing im Kindergarten oder in der Schule (siehe: Staphisagria)
  • Ein 14-jähriges Mädchen wird von einem Verwandten wiederholt sexuell missbraucht. Dieser droht ihr, sie umzubringen, wenn sie irgendjemand von den Übergriffen erzählt. Das Mädchen schweigt aus Angst vor den Konsequenzen (siehe: Lac caninum)

„Je früher es (das Psychotrauma) den Menschen in seinem Leben trifft, umso krankmachender – seelisch wie somatisch – wirkt es sich im Laufe des Lebens aus.“ (4)

Jedes Kind und jeder Jugendliche reagiert anders auf ein Psychotrauma, nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. Mögliche Symptome, die uns zusammen mit den jeweiligen Modalitäten zum richtigen Arzneimittel führen können, sind:

  • Bettnässen (Enuresis nocturna)
  • Einkoten (Enkopresis)
  • Stottern
  • Nägelkauen
  • Ritzen
  • Tics
  • Handwaschzwang
  • Angststörungen
  • Schlafstörungen
  • Essstörungen (Anorexia nervosa, Bulimia nervosa)

Welche Mittel kommen in Frage?

Die Entscheidung für ein bestimmtes homöopathisches Mittel hängt von der Gesamtheit und Individualität der Symptomatik ab. Dennoch gibt es einige Mittel bzw. Mittelgruppen, die einen besonderen Bezug zum Kummer von Kindern und Jugendlichen haben. Diese sollen hier skizziert werden. Prinzipiell kommen aber auch viele andere Mittel in Betracht.

Muttermittel

Eine wichtige Arzneimittelgruppe bei (Bindungs-) Störungen in der frühesten Kindheit (Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett) sind die Muttermittel: Homöopathika, deren Ausgangssubstanzen der Schwangerschafts- und Neugeborenenphase entstammen und die menschlichen Ursprungs sind. Dazu zählen Mittel wie Folliculinum, das Östrogen aus dem Ovarialfollikel, Aqua amniota humana, das menschliche Fruchtwasser, Placenta humana, gewonnen aus der menschlichen Plazenta, Umbilicus humanus, die menschliche Nabelschnur, Vernix caseosa, auch Käseschmiere genannt, Oxytocin, ein Hormon, das im Hypothalamus gebildet wird, auch „Bindungshormon“ genannt, und Lac humanum (oder maternum), die Muttermilch. Diese Mittel sind angezeigt, wenn die Causa für die psychische Störung in der Zeit um die Geburt zu suchen ist, beispielsweise wenn die Schwangerschaft ungewollt war, die Mutter keine Beziehung zu dem Ungeborenen und/oder zu dem Neugeborenen herstellen konnte, wenn das Bonding nicht oder nur mangelhaft stattgefunden hat. Das kann auch bei Frühgeborenen oder ganz allgemein bei Kindern der Fall sein, die unmittelbar nach der Entbindung intensivmedizinisch betreut werden mussten und in den ersten Tagen oder Wochen wenig oder gar keinen liebevollen Umgang mit Mutter oder Vater erfahren konnten. Das Gleiche gilt für Kinder, die zur Adoption freigegeben wurden und daher überhaupt keinen Kontakt zur leiblichen Mutter hatten.

Carcinosinum – der kleine Erwachsene

Diese Nosode aus karzinogenem Brustgewebe ist ein wichtiges Heilmittel für Kinder oder Jugendliche, die viel zu früh Verantwortung für sich und andere übernehmen müssen. Als Causa finden wir häufig eine dauerhafte Überforderung mit Eltern, die dem Kind zu viel an Leistung und Verantwortung abverlangen, worauf das Kind mit enormer Anstrengung und Leistungsbereitschaft reagiert. Oder die Eltern sind überängstlich und „erdrücken“ das Kind mit ihrer übertriebenen Fürsorge. Auch in diesem Fall ist keine gesunde Entwicklung möglich. Ein weiterer Nährboden der Carcinosinum-Pathologie sind Elternhäuser, die jegliche gesunde Aggression bereits im Keim ersticken, was eine mitunter lebenslange Unterdrückung negativer Gefühle zur Folge hat. Das Kind wächst mit dem Bewusstsein auf, dass Liebe und Zuneigung nur der bekommt, der sich lieb, friedfertig und angepasst verhält. „In sich selbst eingekerkert wenden diese Patienten ihre Aggressionen gegen sich selbst und leiden unter Allergien, Schlaflosigkeit und schließlich Krebs“, wie der französische Homöopath Didier Grandgeorge konstatiert. (5)

Carcinosinum-Kinder sind in der Regel pflegeleicht: Sie passen sich an, versuchen möglichst wenig (negativ) aufzufallen und es allen recht zu machen, um nicht getadelt oder kritisiert zu werden. Sie sind sehr empfindlich auf Unstimmigkeiten in der Familie – Streit können sie schlecht aushalten. Zudem haben sie hohe Ansprüche an sich selbst und an ihre Leistungen, Kontrolle ist ihnen äußerst wichtig.

Eine Bestätigung auf körperlicher Ebene sind blaue Skleren, Café-au-lait-Flecken, viele Muttermale und schwer verlaufende Infektionskrankheiten in der Vorgeschichte sowie Krebs in der Familie.

Wichtige Rubriken

G – Anorexia (69): Carc. (1-w.)
G – Anorexia – Kindern; bei (2): Carc. (1-w.)
G – Beißen – Nägel (= Nägelkauen) (72): Carc. (1-w.)
G – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung, nach – sexuellem Missbrauch; nach (48): Carc. (3-w.)
G – Beschwerden durch – Streit, Streitigkeiten (21): Carc. (3-w.)
G – Beschwerden durch – Tadel (33): Carc. (1-w.) 
G – Bulimie (93): Carc. (1-w.)
G – Pflicht – zu viel Pflichtgefühl – Kindern, bei (23): Carc. (3-w.) 
G – Verstümmelt seinen Körper (37): Carc. (1-w.)
G – Waschen – Verlangen zu waschen – Hände; wäscht sich ständig die (23): Carc. (1-w.)
Mund – Sprache – stotternd (97): Carc. (1-w.)
Blase – Urinieren – unwillkürlich – nachts – Kindern, bei (15): Carc. (1-w.)

Natrium muriaticum – gefangen im eigenen Kummer

Natrium muriaticum ist eine der zentralen Arzneien bei Beschwerden durch anhaltenden Kummer. Diese Kinder oder Jugendlichen fühlen sich massiv gekränkt und gedemütigt. Ihr Hauptempfinden ist Enttäuschung durch die Bezugsperson (en), meist ist es die Mutter, von der sie sich vernachlässigt und nicht bedingungslos geliebt fühlen, beispielsweise, weil diese, selbst depressiv, dazu nicht in der Lage ist bzw. war.

Um den großen seelischen Schmerz aushalten zu können, vergraben sie ihn tief in ihrem Inneren. Wenn man ihnen gegenübersitzt, wirken diese Patienten zwar sehr bedürftig, gleichzeitig aber verschlossen, wie erstarrt in ihrem Kummer. Aus Angst, erneut enttäuscht zu werden, halten sie mit ihren Gefühlen hinterm Berg, Tränen rollen nur, wenn niemand zusieht oder in Gegenwart einer Vertrauensperson. Im Beisein Fremder können sie nicht loslassen, weshalb es ihnen auch so schwerfällt, in Anwesenheit anderer zu urinieren oder eben zu weinen. Einerseits fühlen sie sich allein und verlassen: zu schwach um den Anforderungen des Lebens zu trotzen, andererseits hegen sie einen inneren Groll gegen Menschen, die ihnen jemals etwas „angetan haben“ und wenden sich brüsk von ihnen ab. Sie tun sich sehr schwer, Hilfe anzunehmen oder gar einzufordern, wodurch sie sich selbst im Wege stehen. Die nicht geweinten Tränen ergießen sich nachts, wenn die Kontrolle des Bewusstseins ausgeschaltet ist, in Form von Bettnässen. Auch geben sich Natrium-muriaticum-Kinder selbst die Schuld an ihrem Kummer: Sie glauben, dass es an ihnen liegt, wenn sie enttäuscht oder gar verlassen werden, was zu autoaggressiven Handlungen führen kann.

Wichtige Rubriken

G – Anorexia (69): Nat-m. (2-w.)
G – Beißen – Nägel (= Nägelkauen) (72): Nat-m. (2-w.)
G – Beschwerden durch – Enttäuschung (53): Nat-m. (3-w.)
G – Beschwerden durch – Grobheit anderer (20): Nat-m. (3-w.)
G – Beschwerden durch – Kränkung, Demütigung (78): Nat-m. (3-w.)
G – Beschwerden durch – Kummer (94): Nat-m. (4-w.)
G – Beschwerden durch – Liebe; enttäuschte (57): Nat-m. (4-w.)
G – Beschwerden durch – Vernachlässigung; durch – Mutter; durch die (14): Nat-m. (2-w.)
G – Bulimie (93): Nat-m. (1-w.)
G – Gesten, Gebärden; macht – Finger – Mund; Kinder stecken die Finger in den (23): Nat-m. (1-w.)
G – Kummer, Trauer – still (38): Nat-m. (3-w.)
G – Quält sich (9): Nat-m. (1-w.)
G – Verstümmelt seinen Körper (39): Nat-m. (1-w.)
G – Waschen – Verlangen zu waschen – Hände; wäscht sich ständig die (23): Nat-m. (1-w.)
G – Weinen – kann nicht weinen, obwohl er traurig ist (31): Nat-m. (4-w.)
Auge – Zucken (76): Nat-m. (1-w.)
Mund – Sprache – stotternd (97): Nat-m. (1-w.)
Blase – Harnverhaltung – Anwesenheit anderer nicht urinieren; kann in (6): Nat-m. (3-w.)
Blase – Urinieren – unwillkürlich – Kindern, bei (16): Nat-m. (1-w.)
Allg. – Zucken (233): Nat-m. (2-w.)

Hyoscyamus – Aufmerksamkeit durch negative Kontaktaufnahme

Hyoscyamus-Kinder leiden unter extremer Eifersucht: Sie fühlen sich im Stich gelassen, verraten und betrogen. Um die ersehnte Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen, reagieren sie nicht mit Wohlverhalten, sondern mit Provokation. Sie schreien, spucken, sind boshaft, beleidigend, taktlos, indiskret, intrigant und impertinent. Häufig ist der Auslöser die Geburt eines Geschwisterchens oder ein neuer Partner an der Seite von Mutter oder Vater. Das Kind hat das Gefühl, keinen sicheren Platz mehr in der Familie zu haben. Körperliche Reaktionen können sein: Nägelkauen, Einkoten und Einnässen, nächtliches Zähneknirschen, vorgetäuschte Krankheiten und autoaggressives Verhalten.

Charakteristisch für Hyoscyamus ist die Schamlosigkeit ihres Verhaltens: Kinder ziehen sich nackt aus und masturbieren ungeniert in Anwesenheit anderer. Jugendliche provozieren vor allem durch sexistische, schamlose Bemerkungen und „unanständige“ Witze. Sie benehmen sich lüstern und lasziv, lachen albern und dümmlich dabei. Daneben hat Hyoscyamus auch eine gewalttätige Seite. Ebenfalls aus enttäuschter Liebe und rasender Eifersucht kann der Hyoscyamus-Patient so in Rage geraten, dass er zuschlägt und den Impuls verspürt, zu töten.

Wichtige Rubriken

G – Albernes Benehmen (93): Hyos: (3-w.)
G – Beißen – Nägel (= Nägelkauen) (72): Hyos. (2-w.)
G – Beschwerden durch – Eifersucht (12): Hyos. (3-w.)
G – Beschwerden durch – Liebe; enttäuschte (57): Hyos. (3-w.)
G – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung; nach (57): Hyos. (2-w.)
G – Bulimie (93): Hyos. (2-w.)
G – Eifersucht – Raserei, mit (2): Hyos. (3-w.) 
G – Gesten, Gebärden; macht – Tics; nervöse (24): Hyos. (1-w.)
G – Grimassen (31), Hyos. (2-w.)
G – Lasziv, lüstern (116): Hyos. (3-w.)
G – Nackt sein, möchte (24): Hyos. (4-w.)
G – Schamlos (36): Hyos. (3-w.)
G – Sich; schlägt (30): Hyos. (1-w.)
G – Schlägt seinen Kopf gegen die Wand und gegen Gegenstände (20): Hyos. (1-w.)
G – Schmutzig – Urinieren und Defäkieren überall – Kindern; bei (5): Hyos. (2-w.)
G – Verstümmelt seinen Körper (37): Hyos. (1-w.)
Allg. – Zucken (233): Hyos. (3-w.)
Auge – Zucken (76): Hyos. (1-w.)
Mnl. G – Masturbation; Neigung zu – Kindern; bei (27): Hyos. (3-w.)
Wbl. G – Masturbation; Neigung zu – Kindern; bei (28): Hyos. (3-w.)

Stramonium – allein in der Wildnis

Kinder oder Jugendliche, deren Heilmittel Stramonium ist, zeigen wie Hyoscyamus ein stark auffälliges Verhalten. Die Causa ist hier Schreck oder Schock, z.B. durch ein bedrohliches Erlebnis, das sie nicht verarbeiten konnten, wie Gewalt oder Missbrauch. Dieses kann sich auch in der Schwangerschaft ereignet und über die Mutter auf das Ungeborene übertragen haben. Die Betreffenden neigen selbst zu gewalttätigen, destruktiven Ausbrüchen: Sie beißen, kratzen, treten, stampfen mit den Füßen, schlagen oder ziehen an den Haaren. Typisch sind auch alberne Gesten und Tics: unwillkürliche Bewegungen wie Tremor, Zuckungen, Chorea und Konvulsionen. Sie fühlen sich v.a. nachts verfolgt, haben Angst im Dunkeln und erwachen panisch schreiend, ohne ganz bei sich zu sein. Häufig werden sie geplagt von schrecklichen Alpträumen, daher ist ihr Schlaf ruhelos: Sie knirschen mit den Zähnen, werfen sich hin und her, stöhnen und schreien im Schlaf, schluchzen und wimmern kläglich. Wasser löst ebenfalls Furcht aus – bereits das Geräusch laufenden Wassers kann Panik hervorrufen. Stramonium-Kinder oder -Jugendliche neigen zum Stottern: Sie müssen sich sehr anstrengen, um nur ein einziges Wort herauszubringen. Bettnässen ist ebenfalls ein Thema. Insgesamt sind diese Kinder und Jugendlichen wenig kooperativ: Sie neigen zu bösartigem, streitsüchtigem Verhalten. Ihr Blick ist dabei wild, das Gesicht kongestiv, hellrot und gedunsen, die Pupillen sind weit. Im Säuglingsalter besteht eine Veranlagung zu Fieberkrämpfen. Eine Entspannung tritt erst ein, wenn der tiefsitzende Schreck erkannt und ausgelöscht wurde.

Wichtige Rubriken

G – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung; nach (57): Stram. (1-w.)
G – Beschwerden durch – Schreck (85): Stram. (2.w.)
G – Gesten, Gebärden; macht – Tics; nervöse (24): Stram. (1-w.)
G – Grimassen (31): Stram. (2-w.)
G – Sich selbst; beißt (12): Stram. (1-w.)
G – Verstümmelt seinen Körper (37): Stram. (1-w.)
Gesicht – Tic, Muskelzucken (5): Stram. (1-w.)
Mund – Sprache – stotternd (97): Stram. (3-w.)
Mund – Sprache – stotternd – erschöpft, lange bevor er ein einziges Wort ausstoßen kann; ist (1): Stram. (3-w.)
Blase – Urinieren – unwillkürlich – nachts – Schreck; nach (2): Stram. (1-w.)

Welpen

Lac caninum aus der Milch einer säugenden Hündin ist ein Mittel für sensible Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl und der Tendenz, sich unterzuordnen. In der Regel unterdrücken sie ihre Aggressionen, aus Angst, zurückgewiesen zu werden.

Lac caninum – ich bin nichts wert

Lac caninum, potenzierte Hundemilch, ist ein Mittel für hochempfindliche Kinder oder Jugendliche mit niedrigem Selbstwertgefühl, die sich allein und verlassen fühlen, aber auch wertlos, misshandelt und missbraucht – wie ein „Straßenköter“, der von allen getreten wird und der sich für jedes bisschen Zuneigung erniedrigen muss. Er kann nicht wie er möchte, weil er sonst bestraft wird. Er muss sich beugen, weil er von seinem „Herrchen“ oder „Frauchen“ abhängig ist. Lac caninum ist ein wichtiges Mittel bei Psychotrauma nach sexuellem Missbrauch: Die Betreffenden empfinden Abneigung sich selbst gegenüber: Sie können sich und ihren Körper nicht leiden, finden sich ekelhaft und hässlich, verachten sich regelrecht.

Auffallend an dem Mittel ist der Seitenwechsel: Die körperlichen Symptome wechseln mehrfach die Seite (mal links, mal rechts). Die deutlich ausgeprägte Geruchsempfindlichkeit stellt einen weiteren Hinweis auf die Ausgangssubstanz dar. Mittelweisend ist die Furcht vor Schlangen.

Wichtige Rubriken

G – Beißen – Nägel (72): Lac-c. (1-w.)
G – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung; nach (57): Lac-c. (2-w.) 
G – Schreien – Schlaf, im (97): Lac-c. (2-w.)
G – Selbstvertrauen – Mangel an Selbstvertrauen – Selbstherabsetzung; Selbstherabwürdigung (36): Lac-c. (1-w.)
G – WI – schmutzig – er sei (17): Lac-c. (2-w.)
G – Waschen – Verlangen zu waschen – Hände; wäscht sich ständig die (23): Lac-c. (2-w.)
G – Widerwillen – selbst; vor sich (29): Lac-c. (1-w.) 
Blase – Urinieren – unwillkürlich – Kindern, bei (16): Lac-c. (1-w.)
Blase – Urinieren – unwillkürlich – nachts – Kindern, bei (15): Lac-c. (1-w.)

Staphisagria – gekränkt und gedemütigt

Staphisagria-Kinder oder -Jugendliche sind sehr leicht verletzbar und äußerst empfindlich, v.a. gegen Beleidigungen, Kränkung und Demütigung. Sie fühlen sich häufig allein und verlassen, leiden darunter, nicht genügend geliebt oder akzeptiert werden. Meinen sogar, die anderen würden sie verachten und ausgrenzen, was leider oft der Fall ist. Kinder leben in der dauernden Angst, von der Mutter verlassen zu werden. Dabei bedauern sie sich selbst und jammern, wenn sie krank oder bedürftig sind.

Nach außen treten sie sanft, ruhig und eher bescheiden auf, fordern aber durch ihre Art ein respektvolles Entgegenkommen ein: Ihre Sensitivität gegenüber rauer Anrede oder respektlosem Benehmen ist deutlich spürbar. Typisch für Staphisagria ist auch der unterdrückte Zorn, der sich in einem Moment des Kontrollverlustes eruptiv und gewaltsam entlädt. Wenn dies nicht gelingt, folgen Schuldgefühle, den eigenen hohen Ansprüchen nicht zu genügen. Staphisagria ist ein wichtiges Mittel bei Mobbing in der Schule. Der Grund: Die Betreffenden lassen sich zu vieles gefallen und wehren sich kaum, das macht sie zu begehrten Opfern. Sie fühlen sich überfordert und hilflos. Die Folgen sind Schlaf- und Angst- und Essstörungen mit Einnässen und -koten, diversen Tics sowie Bauchschmerzen.

Wichtige Rubriken

G – Anorexia (69): Staph. (1-w.)
G – Beschwerden durch – Liebe; enttäuschte (57): Staph. (3-w.)
G – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung, nach (57): Staph. (2-w.)
G – Beschwerden durch – Missbrauch, Misshandlung, nach – sexuellem Missbrauch; nach (48): Staph. (3-w.)
G – Beschwerden durch – Zorn; durch – unterdrückten Zorn; durch (50): Staph. (3-w.)
G – Bulimie (93): Staph. (1-w.)
G – Gesten, Gebärden; macht – Tics; nervöse (24): Staph. (1-w.)
G – Schmutzig – Urinieren und Defäkieren überall – Kindern; bei (5): Staph. (1-w.)
G – Wirft mit Gegenständen um sich (34): Staph. (3-w.)

Fazit

Seelische Störungen bei Kindern und Jugendlichen müssen immer ernst genommen und entsprechend therapiert werden. Die Klassische Homöopathie und hier speziell die Empfindungsmethode nach Sankaran kann dazu wertvolle Dienste leisten, da nicht nur die offensichtlichen Symptome in die Mittelfindung einbezogen werden, sondern die tiefste Ebene der menschlichen Psyche und Empfindung.

Anmerkungen

(1) Interview mit Kai von Klitzing von Johanna Bruckner „Aufhorchen, wenn Geschichten immer schlecht ausgehen“ in: SZ, 16. 05. 14
(2) Gnaiger-Rathmanner, Jutta / Mayr, Rosemarie: Homöopathie bei Psychotrauma. Haug Verlag. Stuttgart, 2014. S. 103
(3) siehe: www.depression-depression.net/depression-bei-Kindern/symptome-nach-lebensalter.htm
(4) Gnaiger-Rathmanner, Jutta / Mayr, Rosemarie: Homöopathie bei Psychotrauma. Haug Verlag. Stuttgart, 2014. S. 111
(5) Vermeulen, Frans: Prisma. Emryss Verlag. Haarlem, 2006. S. 450


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Grenzen der Homöopathie Die Homöopathie stößt dort an ihre Grenzen, wo eine Regeneration nicht mehr möglich ist. Wenn eine Krankheit bereits so weit fortgeschritten ist, dass eine Heilung ausgeschlossen ist, kann auch die Homöopathie nur noch palliativ, sprich lindernd wirken. Dies erleben wir beispielsweise bei schweren zerstörerischen Krankheiten wie Krebs. Aber auch ein amputiertes Bein kann selbst mit dem bestgewählten homöopathischen Mittel nicht mehr nachwachsen. Diese Fälle, so tragisch sie im Einzelnen auch sein mögen, sind nicht typisch für die tägliche Praxis. Grenzen des Homöopathen Viel häufiger erleben wir den Fall, dass der Therapeut selbst an seine Grenzen stößt, was nicht immer mit mangelnder Erfahrung zu tun hat. Auch versierte Homöopathen mit langjähriger gutgehender Praxis kommen oft nicht weiter, finden das passende homöopathische Mittel nicht. Auch dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Grenzen des Patienten Der Patient und das, was er dem Therapeuten erzählt, sind der Schlüssel zum Simillimum, sprich zum passenden Arzneimittel, welches den entscheidenden Anstoß zur Heilung gibt. Und hier liegt die Verantwortung des Patienten: Je genauer er sich beobachtet, in sich hineinblickt und je treffender die Worte sind, die er für seine Beschwerden wählt, desto leichter fällt es dem Therapeuten, eine Beziehung zwischen dem Leiden des Patienten und einem bestimmten Arzneimittel herzustellen. Andersherum formuliert muss man leider sagen, wenn der Patient aus welchen Gründen auch immer, die entscheidenden Symptome und Empfindungen für sich behält, hat der Homöopath wenig Chancen, das richtige Mittel zu finden. Auch das ist ein Lernprozess – so wie der Homöopath sein Handwerkszeug erlernen muss, so muss auch der Patient erst allmählich lernen, sich genau zu beobachten, in sich hineinzuspüren und das Empfundene in passende Worte zu kleiden. So gesehen ist die Homöopathie ein Weg, den Patient und Therapeut gemeinsam gehen. Das Ziel heißt Verstehen und letztlich Heilung. Je schwerwiegender ein Leiden ist, desto länger mag der Weg sein. In jedem Fall sind aber Vertrauen und Geduld erforderlich sowie eine realistische Vorstellung davon, was mit der Homöopathie erreicht werden kann und in welchem Zeitraum. Möglichkeiten der Homöopathie Unter Berücksichtigung der oben beschriebenen Sachverhalte sind die Möglichkeiten der Homöopathie grenzenlos. Jeder der bereits einschlägige Erfahrungen mit der Homöopathie gemacht hat, wird dies bestätigen.
Porträt eines nachdenklichen, traurigen Mädchens
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Hinter vielen körperlichen Symptomen verbirgt sich ein Kummer oder eine tiefe Traurigkeit. ((BU)) Differenzierung nach Reichen und Unterreichen Die Rubrik „Gemüt – Kummer, Trauer“ umfasst 149 Arzneien, die laut Prüfung oder klinischer Erfahrung einen mehr oder weniger deutlichen Bezug zu seelischem Schmerz haben. Das sind aber längst nicht alle Mittel, an die man bei einem „Kummerpatienten“ denken könnte oder müsste. Hilfreich sind hier weniger die allgemeinen Gemütsrubriken (1), sondern vielmehr ein differenzierter Blick auf die Individualität bzw. Besonderheit des betreffenden Patienten und die Kenntnis der Materia Medica auch „kleinerer“ Arzneien. Um die Auswahl der infrage kommenden Mittel sinnvoll eingrenzen zu können, hilft es, sich der Sensation-Methode Rajan Sankarans zu bedienen, welche allerdings ein jahreslanges Studium und viel Erfahrung erfordert. Hier eine kleine Auswahl weniger bekannter „Kummermittel“ aus unterschiedlichen Naturreichen. Viele Patienten kommen vordergründig wegen diverser, oft chronischer oder häufig wiederkehrender körperlicher Beschwerden in die homöopathische Praxis. Im Anamnesegespräch wird dann aber schnell klar, dass ein tiefer Kummer hinter dem physischen Leid steckt und dass dieser die eigentliche Pathologie darstellt: das zu Heilende. Die entsprechenden Gemütsrubriken wie „Kummer, Trauer“ oder „Beschwerden durch – Kummer“ sind sehr allgemein und schließen zahlreiche Mittel aus, die ich durchaus als „Kummerarzneien“ bezeichnen würde. In der umfassenden Rubrik „Gemüt – Kummer, Trauer“ fehlen beispielsweise sämtliche Lithium- und Beryllium-Verbindungen sowie die Lanthanide, die Muttermittel (siehe: comed Mai/2013) und die Schwäne. Das einzige enthaltene Milchmittel ist Lac-c., die Hundemilch. Ferner vermisse ich Mag-c., Mag-n., Aur-s., Hura, Elaps und Musca-d., um nur einige zu nennen. In der etwas kleineren Rubrik „Beschwerden durch Kummer“ mit 94 Mitteln, sind neben anderen auch Elaps und Hura aufgeführt. Rajan Sankaran warnt vor dem unkritischen Gebrauch von Gemütsrubriken, da diese, wie er sagt, „viel Spielraum für Interpretationen lassen“ (2) . Wichtig ist es daher, nach individuellen, eigentümlichen Symptomen zu suchen, die charakteristisch für den betreffenden Patienten, dessen Beschwerden und vor allem für dessen Reaktionsmuster sind, sprich für die Art und Weise, wie er sein Leid empfindet, wie er damit umgeht und wie er es in der Anamnese beschreibt. An dieser Stelle kann es sehr nützlich sein, neben der Klassischen Homöopathie, wie sie uns Samuel Hahnemann gelehrt hat, auf das Konzept der Sensation-Methode Sankarans zurückzugreifen, um der Individualität jedes einzelnen Patienten gerecht zu werden. Wer sich bei der Repertorisation von „Kummerpatienten“ zu sehr auf allgemeine Rubriken verlässt, der wird häufig bei den bewährten Polychresten wie Nat-m., Ign., Staph., Puls. oder Carc. landen und sich wundern, dass der gewünschte Heilerfolg ausbleibt. Die Sensation-Methode basiert auf der Klassischen Homöopathie Hahnemanns, hat diese aber um ein äußerst wertvolles Handwerkszeug erweitert: die Differenzierung nach Reichen und Unterreichen sowie einen komplexeren Umgang mit den Miasmen. Nach einer offenen Anamnese, bei der das Augenmerk neben den Fakten auf der Art und Weise liegt, wie sich der Patient ausdrückt, welche Worte und Handgesten er wählt und wie er sich dabei gibt, sprich wie lebendig oder zurückhaltend er agiert, folgt die Fallanalyse, wobei zunächst entschieden wird, aus welchem Naturreich das Arzneimittel stammen muss, das dem Patienten helfen soll. Wir unterscheiden hier im Wesentlichen zwischen Pflanzen-, Tier- und Mineralreich. Hinzu kommen noch Nosoden, Sarkoden und Imponderabilien. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich Empfindung und Ausdrucksweise der einzelnen Reiche gravierend voneinander unterscheiden. Ein „Pflanzenpatient“ ist extrem empfindlich auf Einflüsse, die von außen auf ihn einwirken, ein „Tierpatient“ dagegen ist geprägt von den Überlebensstrategien der Tierwelt. Hier geht es um das nackte Überleben: fressen oder gefressen werden, ich oder du. Einer ist der Täter, der andere das Opfer. Die Schuld wird in der Regel beim anderen gesucht. Mineralische Patienten wiederum empfinden einen Mangel an Fähigkeiten bei sich selbst, der sie daran hindert, ihren Alltag zu meistern. Sobald das Reich feststeht, geht es um die Wahl des Unterreiches: Bei den „Pflanzenpatienten“ wird ja nach Art der spezifischen Empfindung nach der passenden Pflanzenfamilie gesucht, für die es klare Kriterien gibt. Maßgeblich hierfür sind die Prüfungssymptome. Bei den „Tieren“ erfolgt die Differenzierung nach den in der Anamnese geäußerten Überlebensstrategien und Reaktionsmustern. Diese lassen sich einer bestimmten Tierfamilie zuordnen z.B. den Säugetieren, Mollusken, Vögeln oder Reptilien. Zur näheren Eingrenzung des passenden mineralischen Mittels, wobei häufig Mittelkombinationen (Salze) erforderlich sind, bedienen wir uns des Periodensystems bzw. dessen Interpretation nach Jan Scholten. Abschließend entscheiden Individualität und Besonderheit der Symptomatik, welches Mittel verordnet wird. Nach dieser kurzen, äußerst fragmentarischen Einführung in die Sensation-Methode dürfte klar geworden sein, auf welchem Wege die einzelnen „Kummermittel“ voneinander differenziert werden: Reich – Unterreich – Arzneimittel. Der Grund für diese spezielle Vorgehensweise liegt in der Erkenntnis, dass jeder Mensch eine Affinität zu einem bestimmten Naturreich hat. So ist es vorstellbar, dass drei verschiedene Patienten mit einer ganz ähnlichen Krankengeschichte in die Praxis kommen, wobei es jeweils um das Gefühl von Isolation, Einsamkeit, Missachtung und mangelnder Liebe geht. Alle drei leiden unter Schlafstörungen, depressiver Verstimmung und haben Verlangen nach Schokolade und salzigen Speisen. Dennoch empfindet und beschreibt der erste Patient seine Beschwerden „tierisch“, der zweite „pflanzlich“ und der dritte „mineralisch“. Wichtig ist, dass die Zuordnung nach einem Reich auf der tiefsten Ebene der Empfindung erfolgt, da gerade Erwachsene Anteile aus allen Reichen haben können, aber eben nur bis zu einer bestimmten Schicht. Sind wir mit der Anamnese an der Wurzel der Pathologie angekommen, kristallisiert sich ein bestimmtes Reich heraus. Gelingt es nicht, den Patienten während der Anamnese in die Vitalempfindung zu bekommen, was häufig geschieht, dann müssen wir offen sein für das, was der Patient uns liefert, wohin er uns führt. Ein auffallendes, einzigartiges Symptom, das wir so nicht erwartet hätten oder das wir bislang noch von keinem anderen Patienten gehört haben, kann uns ebenfalls auf die richtige Fährte bringen. Kummer – was ist das überhaupt? Aus Sicht der Psychologie versteht man unter Kummer Hoffnungs- und Hilflosigkeit. Weitere wichtige Empfindungen in diesem Zusammenhang sind seelischer Schmerz, Trauer, Traurigkeit, Enttäuschung, enttäuschte Liebe, ein Gefühl der Einsamkeit und Isolation sowie die Empfindung, nicht wahrgenommen oder abgelehnt zu werden – wertlos zu sein. Mineralreich Die Zuordnung mineralischer Mittel zu den Reihen und Spalten des Periodensystems stammt von dem holländischen Chemiker und Homöopathen Jan Scholten. Er hat den einzelnen Reihen (Perioden) und Spalten (Stadien) bestimmte Themen zugewiesen, die mit der menschlichen Entwicklung zu tun haben, auf die sich auch Rajan Sankaran und seine Schule beziehen. Lithium carbonicum (Lithiumkarbonat), Lith-c. Lithium carbonicum ist die Kombination dreier Elemente der zweiten Reihe des Periodensystems (Kohlenstoff-Serie), die entwicklungsgeschichtlich der Geburt zugeordnet wird. Lithium steht ganz links, in der ersten Spalte, Carbon (der Kohlenstoff-Anteil) genau in der Mitte: in Stadium 10 (3) und Oxygenium (der Sauerstoff-Anteil) im 16. Stadium, also relativ weit rechts (direkt über Sulphur). Bei diesem Salz haben wir es folglich nur mit einem Themenkomplex zu tun: Trennung und Eigenständigkeit, welcher aus drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Lithium entspricht einem sehr primitiven Entwicklungsstadium: An eine mögliche Trennung (von der Mutter oder einer anderen Bezugsperson) ist noch gar nicht zu denken, sie ist unvorstellbar. Bei Carbon, in der Mitte der Reihe, ist sich der Patient bereits darüber im Klaren, dass die Geburt und damit die Trennung unmittelbar bevorstehen. Die entscheidende Frage dabei lautet: Werde ich es schaffen, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, auf eigenen Füßen zu stehen? Oxygenium schließlich entspricht dem Zustand kurz nach der Entbindung, wenn das Baby die Enge des Geburtskanals bereits hinter sich gelassen hat und den ersten selbstständigen Atemzug tun muss: Das Kind ist geboren, hat die schützende Umgebung des Mutterleibs verlassen und muss nun allein zurechtkommen. Nicht nur homöopathisch, sondern auch allopathisch ist Lithiumkarbonat ein wichtiges Mittel zur Behandlung von Kummer und Traurigkeit, vor allem bei manisch-depressiven Erkrankungen. Im Falle psychogener Depressionen oder depressiver Traurigkeit im Rahmen einer Neurose ist die Behandlung mit Lithium dagegen wirkungslos. Rajan Sankaran beschreibt den Fall eines 51-jährigen Mannes, der phasenweise unter Depressionen mit Suizidgedanken litt. Seine Worte weisen eindeutig auf die linke Seite der zweiten Reihe hin: „Ich ziehe mich in meine Hülle zurück, möchte mich selbst vor der Welt verschließen.“ Immer wieder spricht der Patient davon, dass er sich der Welt nicht stellen, sich in eine schützende Hülle zurückziehen und am liebsten im Bett bleiben will: „fast wieder in den Mutterleib zurück“. Er sagt: „Ich gehe in eine Hülle, will niemanden treffen und mit niemand reden.“ (4) Die zentrale Empfindung dieses Patienten, der noch nicht im Leben angekommen ist, lautet: Ich möchte mich in eine schützende Hülle zurückziehen, um mich der feindlichen Welt nicht stellen zu müssen. Er fühlt sich den Anforderungen des täglichen Lebens nicht gewachsen, hält sich für unzulänglich. Seine Krankengeschichte begann, als er von seinen Eltern in ein Internat geschickt wurde. Dort hatte er das Gefühl, die häusliche Sicherheit eingebüßt zu haben. Seine Empfindung damals war es, die Behaglichkeit des Mutterleibs verloren zu haben und fortan allein existieren zu müssen. Ein weiterer Aspekt von Lithium carbonicum ist der niedrige bzw. schwankende Selbstwert. Aufgrund ihrer Unsicherheit halten sich Lithium-carbonicum-Patienten an das Bewährte: Neues und Unbekanntes ist ihnen suspekt. Alle Lithium-Verbindungen haben Furcht vor fremden Menschen, so auch Lithium carbonicum. Die Betroffenen brauchen Sicherheit und Verlässlichkeit, um ihre innere Unsicherheit zu kompensieren. Dabei können sie impulsiv und wankelmütig sein: Kommt ihnen eine Idee, muss diese sofort in die Tat umgesetzt werden. Stellt sich der gewünschte Erfolg jedoch nicht umgehend ein, dann wird die ganze Aktion abrupt eingestellt, und die Betroffenen verfallen in Lethargie. Charakteristisch bei diesem Arzneimittel ist der rasche Wechsel zwischen Arbeitswut und totaler Erschöpfung. Dabei sind die Betroffenen zwanghaft perfektionistisch. Sie glauben, ihren Selbstwert durch entsprechende Leistungen verbessern zu können bzw. zu müssen und stellen deshalb besonders hohe Ansprüche an sich. Auch haben sie das Verlangen, alles mehrfach zu kontrollieren. Ihr Selbstbild stimmt häufig nicht mit der Realität überein, was auf Dauer frustrierend für sie ist. Lithium-carbonicum-Menschen wirken kindlich und naiv, sie brauchen immer eine Bezugsperson, an der sie sich orientieren können. Ansonsten fühlen sie sich hilflos und verlassen. Oft haben sie das Gefühl, von Mutter oder Vater nicht anerkannt und geschätzt zu werden, bilden sich ein, sie könnten es ihnen nie recht machen und haben Angst, zu versagen. Der Kummer von Lithium-carbonicum-Patienten besteht in der Überzeugung, alleine nicht lebensfähig zu sein und immer eine andere Person zu brauchen, die sie durch den Alltag begleitet – ihnen die nötige basale Sicherheit gewährt. Das Mittel wurde erstmals 1879 von T.F. Allen geprüft, zuletzt 1995 unter der Leitung von Anne Schadde (5). Körperliche Symptome Ein herausragendes Symptom von Lithium carbonicum ist die rechtsseitige Hemianopsie mit einem kompletten Sehverlust der rechten Seite. Typisch ist auch der Seitenwechsel bei Schmerzen von rechts nach links oder umgekehrt. Allgemein hat das Mittel einen Bezug zu rheumatischen Beschwerden vor allem der kleinen Gelenke (Arthritis) sowie zu Augen- und Herzleiden. In der Regel geht es Lithium-carbonicum-Patienten nachts schlechter, Essen und Ausscheidungen tun ihnen dagegen gut. Lith-c. ist ein frostiges Mittel mit Empfindlichkeit auf kalte Luft. Es bestehen großer Durst auf kalte Getränke und ein Verlangen nach Kaffee und Tee sowie eine Abneigung gegen Bier. Der Genuss von Schokolade führt zu Durchfall und Übelkeit. Kaffee und Zwiebeln werden ebenfalls nicht vertragen. Pflanzenreich Hura brasilienis (Sandbüchsenbaum), Hura Hura brasiliensis oder auch Hura crepitans, der Sandbüchsenbaum, gehört zur Familie der Euphorbiaceen, der Wolfsmilchgewächse, für die das Thema „Anheften“ und „Zusammenschnüren“ besonders typisch ist. Menschen, deren Heilmittel aus dieser großen Pflanzenfamilie stammt, haben die Empfindung, angebunden oder festgehalten zu sein. Sie fühlen sich wie ein Häftling in der Zelle. Der Raum ist ihnen zu eng und zu klein. Sie können nichts tun, um sich aus dieser ausweglosen Situation zu befreien. Das Gefühl, von einem straff gespannten Band oder einer Kette fixiert zu sein, die ihnen keinen Bewegungsspielraum lassen, finden wir sowohl auf der körperlichen als auch auf der geistig-seelischen Ebene. So erleben sich die Betroffenen nicht nur physisch als vollkommen unbeweglich, sondern auch psychisch und mental: Sie sind unflexibel, starrköpfig und eigensinnig – verharren nahezu bewegungslos in ihrer „Zwangsjacke“. Dabei ist es ihr größtes Bedürfnis, sich loszureißen, der drangvollen Enge zu entfliehen, frei zu sein. Auch Kleidung und Hitze sind ihnen unerträglich. Die Türen müssen stets geöffnet bleiben. Ständige Bewegung tut gut, wobei es den Betroffenen zu Beginn der Bewegung erst einmal schlechter geht. Im kompensierten Zustand haben sie das Gefühl, frei und ungebunden zu sein. Trotz des begrenzten Raumes kommen sie gut zurecht. Sie verspüren mehr Bewegungsfreiheit bzw. es ist ihnen möglich, ihren Raum besser zu nutzen. Hura brasiliensis ist eines der ganz großen „Kummermittel“. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sind bei dieser Arznei so extrem, dass Rajan Sankaran sie dem Lepra-Miasma (6) zugeordnet hat. „Ein Lepröser, ein Aussätziger, ist jemand, der durch einen unheilvollen Schicksalsschlag in die Lage gerät (als Aussätziger), dass seine Freunde sich von ihm abwenden. Sie hassen und verachten ihn, sie haben alle Sympathie verloren, er kann machen, was er will, er kann den Verlust durch nichts wettmachen, er kann nie mehr dahin zurück, wo er einmal war – einmal ein Lepröser, für immer ein Lepröser.“ (7) Genauso fühlt sich ein Mensch, dessen Heilmittel Hura brasiliensis ist: wie ein Aussätziger, der von seinen Liebsten verstoßen wurde, ohne Hoffnung, jemals wieder in deren Schoß aufgenommen zu werden – völlig allein und isoliert. Hura-Menschen leben in der Überzeugung, „vom Unglück verfolgt, ausgestoßen, gehasst, verachtet, ohne Hoffnung auf Genesung.“ (8) Wobei die zentrale Empfindung von Hura brasiliensis lautet: Ich bin dazu verdammt, auf ewig festgebunden zu sein. (9) Die Betroffenen können nichts tun, um sich aus ihrer hoffnungslosen Situation zu befreien. Gleichzeitig sind sie voller Schuldgefühle: Sie bilden sich ein, für das Unglück ihrer Mitmenschen verantwortlich zu sein und meinen, ohne sie ginge es diesen besser. Am Anfang der Pathologie von Hura brasiliensis steht oft eine ungewollte Schwangerschaft mit schlechtem Gewissen, Schuld- und Schamgefühlen. Die betroffenen Frauen schämen sich für ihren Zustand, geben sich selbst die Schuld für den „Fehltritt“, ziehen sich von der Gesellschaft zurück und versuchen, den sich rundenden Bauch so lange wie möglich zu verbergen, aus Angst von der Familie verachtet und verstoßen zu werden. Einen weiteren, ergänzenden Aspekt des Mittels beschreibt der französische Kinderarzt und Homöopath Didier Grandgeorge:„Hura ist eine Art Latex. Diese Personen erleben Liebe als eine Art elastische Kraft, ähnlich wie ein Gummiband. Je größer die Entfernung von dem geliebten Menschen, umso mehr werden sie versuchen, diese Person mit Gewalt anzuziehen. Wenn das Gummiband reißt, ist das katastrophal, und sie kommen nie darüber hinweg.“ (10) Während Hura-Persönlichkeiten ihre ausweglose Lage einerseits als Zwangsjacke empfinden, das Gefühl haben, in straffe Bänder gewickelt zu sein, versuchen sie andererseits, Menschen, die sie lieben und nicht verlieren wollen, durch ebensolche Bänder an sich zu binden. In ihrem Unglück und ihrer Verzweiflung können Hura-Menschen destruktiv und selbstzerstörerisch sein: Sie kauen Nägel, beißen sich und andere. Auch sind sie mitunter suizidgefährdet, da sie sich für minderwertig und verabscheuungswürdig halten, was ihnen die Lebensgrundlage entzieht. Bezeichnenderweise träumen Hura-Menschen von Beerdigungen, Friedhöfen, Gräbern und verstümmelten Leichen mit abgetrennten Gliedmaßen. Körperliche Symptome Die physischen Beschwerden von Hura gehen häufig mit der Empfindung von Zusammenschnürung oder Zusammenziehen einher, z.B. im Bereich von Kopf, Hals, Brust oder Rektum. Ferner hat das Mittel Bezug zu rheumatischen Beschwerden und zu Hautausschlägen, die als ekelhaft oder ungut empfunden und daher sorgsam verborgen werden müssen, vergleichbar den leprösen Hauterscheinungen. Typisch ist ein Schwindel mit dem Gefühl, die Füßen würden den Boden nicht berühren, die Empfindung einer Kugel unter der linken Brust oder das Gefühl, eine Kugel rolle im Gehirn hin und her. Hura-Patienten sind sehr lärmempfindlich, zucken beim geringsten Geräusch zusammen oder zittern vor Schreck. Hitze und enge Kleidung vertragen sie schlecht.
Haufen Salz
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Eines der ganz großen Homöopathika ist das potenzierte Kochsalz, Natrium muriaticum, eine häufig verordnete Arznei bei tiefem Kummer ohne Tränen. ((BU)) Wenn zwei gegensätzlich geladene chemische Elemente eine Verbindung miteinander eingehen, spricht man von einem Salz (Salz, Sal: heteropolare, anorganische oder organische chemische Verbindung mit einem aus Kationen und Anionen bestehenden Kristallgitter). Nicht immer herrscht Harmonie zwischen beiden Polen, mitunter sind diese Vereinigungen spannungsgeladen und explosiv. Und doch arrangiert man sich, wächst zusammen und bildet eine neue Einheit. So empfinden auch die Menschen, deren Heilmittel ein Salz ist – zwei Seelen wohnen in ihrer Brust und sorgen dort für innere Konflikte, Verwirrung, Unentschlossenheit und Unausgeglichenheit, je nachdem wie gegensätzlich die Partner sind. Doch stets handelt es sich um tiefwirkende Arzneimittel, ideal für chronische oder seelische Beschwerden. Salze sind Ionenverbindungen, sie entstehen durch Abgabe und Aufnahme von Elektronen. Das Elektronen abgebende Element weist eine positive Ladung auf (+), man nennt es Anion, das Elektronen aufnehmende Element verfügt über eine negative Ladung (-) und wird Kation genannt. Wenn man das Periodensystem betrachtet, stellt man fest, dass Salze sich aus Elementen der linken Seite des Periodensystems und denen der rechten Seite zusammensetzen, häufig sogar rechts und links der Mitte. Bekannte Beispiele sind Natrium muriaticum oder Magnesium phosphoricum. Die Gegensätzlichkeit beider Partner spiegelt sich auch im Wesen der Menschen wider, die ein Salz als Heilmittel benötigen. Die meisten Salze, mit Ausnahme der Halogensalze (Kombinationen mit Fluor, Chlor, Brom, Iod etc.) enthalten zusätzlich noch Sauerstoff (Oxygenium), bestehen also aus drei Elementen. In diesem Fall müssen die charakteristischen Symptome von Oxygenium bei dem betreffenden Menschen ebenfalls erkennbar sein. Charakteristische Symptome von Oxygenium Alles selbst tun wollen Verlangen nach Freiheit und Unabhängigkeit Mangelndes Selbstwertgefühl Gefühl, die eigenen Leistungen würden nicht ausreichend gewürdigt Braucht viel Raum zum Atmen Die Homöopathie und das Periodensystem Chemische Verbindungen haben immer acht Elektronen auf der Außenschale, das heißt, ein Element, das sechs Elektronen auf der Außenschale aufweist, sucht sich einen Salz-Partner mit zwei Außenelektronen, um die erforderlichen acht zu erreichen. Wenn man sich bei dem Verständnis der Salze und ihrer Elemente auf das Periodensystem und dessen Interpretation von Jan Scholten (niederländischer Homöopath, der sich intensiv mit dem Periodensystem und dessen Bedeutung für die Homöopathie beschäftigt hat) bezieht, so hat man acht Reihen (Serien) und 18 Spalten (Stadien) mit unterschiedlichen Entwicklungsstufen und Themen, an denen man sich orientieren kann. Etwas vereinfacht formuliert, durchlaufen die Reihen die einzelnen Lebensabschnitte, wobei die Wasserstoff-Serie (erste Reihe) dem Leben im Mutterleib entspricht und die Uranium-Serie (siebte Reihe) dem hohen Alter. Bei den Spalten erkennt man eine Entwicklung von links nach rechts – immer in Bezug auf das Thema der Reihe. Ganz links fängt die Entwicklung gerade an, in der Mitte ist der Höhepunkt erreicht und ganz rechts ist der Verlust des einmal Erreichten schon weit fortgeschritten. Die Themen der einzelnen Reihen Erste Reihe (Wasserstoff-Serie): Empfängnis und Existenz, Frage: Bin ich oder bin ich nicht? Zweite Reihe (Kohlenstoff-Serie): Geburtsprozess, Trennung, Frage: Bin ich ein Teil von etwas/jemandem oder bin ich getrennt? Dritte Reihe (Silicium-Serie): Identität und Versorgung, Frage: Wer bin ich? Vierte Reihe (Eisen-Serie): Sicherheit und tägliche Aufgaben, Routine Fünfte Reihe (Silber-Serie): Kreativität und Leistung, Neues erschaffen Sechste Reihe (Gold-Serie): Verantwortung für andere, Macht und Herrschaft Siebte Reihe (Uranium-Serie): Pflicht und Verantwortung bis zur eigenen Zerstörung Die linke Seite des Periodensystems Die Elemente auf der linken Seite des Periodensystems haben nur ein oder zwei Elektronen auf ihrer Außenschale, sie sind von dem Ziel, acht Elektronen zu erreichen, noch sehr weit entfernt – je weiter links desto mehr. Übertragen auf die Empfindung der Menschen, die ein Mineral als homöopathisches Arzneimittel verordnet bekommen, bedeutet das: Sie haben das Gefühl, auf ihrem Weg noch ganz am Anfang zu stehen, noch keine wesentlichen Fortschritte bezüglich der Thematik ihrer Reihe (siehe oben) gemacht zu haben. Menschen, die ein Element aus den ersten beiden Spalten brauchen (wie Hydrogenium, Lithium, Natrium, Magnesium, Kalium, Calcium oder Barium), lassen in ihrem Verhalten und in ihrer Bewältigungsstrategie eine mehr oder weniger große Abhängigkeit von anderen Personen erkennen. Je weniger Außenelektronen das jeweilige Element besitzt, das sie benötigen, desto ausgeprägter ist das Gefühl eines Mangels auf diesem Gebiet. Sie fühlen sich nicht in der Lage, die Thematik ihrer Reihe ohne fremde Hilfe bewältigen zu können. Die rechte Seite des Periodensystems Bei den Elementen rechts der Mitte ist der Zenit bereits überschritten. Ab vier Außenelektronen besteht das Gefühl, etwas aus eigener Kraft erreicht zu haben, nicht auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Je weiter rechts das Element steht, desto mehr wächst die Furcht, das bereits Erreichte wieder zu verlieren. Dazu zählen Phosphorus, Sulphur, Arsenicum, Argentum, Aurum und Plumbum, um nur einige Beispiele zu nennen. Mit zunehmender Elektronenzahl und Atommasse nimmt die Anziehungskraft zu, mit welcher die Elektronen zum Kern gezogen werden. Je mehr Elektronen ein Atom auf der Außenschale hat, umso dichter wird es. Insofern stellt der Handel zwischen den beiden Elementen nicht unbedingt ein faires Geschäft dar: Der Partner, der weniger zu geben hat (links der Mitte), ist nicht so geizig wie der, der seine Schale fast voll hat (rechts der Mitte). Letzterer wird alles daransetzen, seine erarbeiteten Besitztümer für sich zu behalten und zu mehren. Insofern sind die Elemente auf der linken Seite auf die Almosen und die Unterstützung der Elemente auf der rechten Seite angewiesen, welche sich schwer tun, zu geben. Für sie ist es viel leichter, noch etwas mehr zu nehmen, als all das herzugeben, was sie sich bereits gesichert haben. Wir sehen das am Grad des Besitzdenkens und der Ausbildung des Egos rechts der Mitte. Dort ist das Bewusstsein für die eigene Identität wesentlich stärker ausgeprägt, was deutlich wird, wenn wir uns die Arzneimittelbilder von Phosphorus oder Sulphur anschauen, um zwei prominente Beispiele zu nennen. Wann ist ein Mineral ein Salz? Das Ziel der Salze ist Stabilität, die sie durch die Verbindung mit einem passenden Partner erwerben – kein Problem für die linke Seite, denn sie hat nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen – allerdings um den Preis der Abhängigkeit. Die rechte Seite hingegen muss das Erreichte teilen, was als beengend empfunden wird. Wie bereits erwähnt, bestehen Salze aus mindestens zwei Elementen, wobei das eine auf der linken Seite des Periodensystems angesiedelt ist, das andere auf der rechten, wobei die Abstände nicht immer so groß sein müssen wie bei Natrium muriaticum (siehe Aurum arsenicosum). Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder stammen beide Partner aus derselben Reihe oder aus zwei unterschiedlichen Reihen. Im ersten Fall steht der betreffende Mensch unter dem Einfluss der Thematik einer einzigen Reihe, er hat folglich bezüglich des gleichen Themas eine unterentwickelte abhängige und eine weiter entwickelte unabhängigere Seite in sich, was sich durch widersprüchliches oder wechselhaftes Verhalten äußert bzw. durch zwei unterschiedliche Bewältigungsmechanismen. Typische Beispiele dieser Kombination wären Natrium muriaticum, Magnesium phosphoricum oder Calcium arsenicosum. Im letzteren Fall werden Empfindung und Reaktionsmuster von zwei verschiedenen Reihen beeinflusst, dazu zählen Mittel wie Barium carbonicum, Beryllium muriaticum oder Kalium sulphuricum. Der indische Homöopath Rajan Sankaran sagt dazu, ein Salz sei nur dann indiziert, „wenn wir sehen, dass auf der Empfindungsebene die Merkmale des einen Elements immer von denen des anderen Elements begleitet werden“ (1). Es handelt sich folglich nicht um ein Nebeneinander von Symptomen, sondern um eine Verquickung: Aus den beiden Ausgangssubstanzen entsteht eine neue Einheit, die der Individualität des jeweiligen Menschen entspricht. Beispiele aus der Welt der Salze Natrium muriaticum Bei dem bekannten homöopathischen Mittel Natrium muriaticum (Kochsalz) handelt es sich um die Vereinigung zweier Elemente aus der dritten Reihe des Periodensystems. Natrium steht ganz links, Muriaticum, auch Chlorum genannt, in der 17. Spalte, also fast ganz rechts. Bei dem betreffenden Menschen geht es um die Themen: Identität (Wer bin ich? Wie sehen mich die anderen?), Versorgung, Familie und Beziehung (ich und die anderen). Durch den Natrium-Anteil ist das Bewusstsein für die eigene Identität noch nicht entwickelt. Der Betreffende ist komplett abhängig von einer Bezugsperson (Mutter, Vater, Partner), er traut sich nicht zu, allein durchs Leben zu gehen. Es besteht ein großes Bedürfnis nach Liebe und Fürsorge. Auch das Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit ist noch nicht vorhanden, typisch sind Fragen wie „Was soll ich wählen?“ „Wie soll ich mich entscheiden?“ „Was soll ich sagen?“. Insofern besteht eine immense Abhängigkeit vom Partner, ohne den sich der Betreffende völlig hilflos fühlt – seiner Identität beraubt. Auch sind die Erwartungen an den Partner vergleichbar denen, die an die Mutter gestellt werden: Er soll bedingungslos lieben, jeden Wunsch von den Augen ablesen etc. Der Muriaticum-Anteil führt dazu, dass die unvermeidliche Enttäuschung im Sinne eines Betrugs erfahren wird. Laut Rajan Sankaran empfindet der Nat-m.-Mensch folgendermaßen: “Ich werde von der Person, der ich vertraue, von der ich abhängig bin und die ich liebe, im Stich gelassen, verraten oder enttäuscht.“ (1) Durch das Element auf der rechten Seite des Periodensystems wird der Verlust oder die Angst vor dem vermeintlichen Verlust desjenigen Menschen, von dem eine überstarke Abhängigkeit besteht (linke Seite) als besonders schmerzlich erlebt. Auf der anderen Seite besteht das Verlangen, diese Abhängigkeit abzustreifen, ihr zu entfliehen. Das Anion zeigt hier die Bedürftigkeit an, das Kation (in dem Fall ein Halogen) den Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit. Menschen, die Nat-m. als konstitutionelles homöopathisches Mittel benötigen, befinden sich ständig in diesem polaren inneren Konflikt: einerseits abhängig und bedürftig, andererseits getrieben von dem Verlangen, frei und unabhängig zu sein. Kalium carbonicum Bei Kalium carbonicum (Pottasche) handelt es sich um ein Salz, das aus zwei Elementen unterschiedlicher Reihen besteht: der zweiten und der vierten Reihe. Hier sind folglich zwei verschiedene Themen miteinander verwoben. Kalium befindet sich wie Natrium in der ersten Spalte, weist folglich eine ebenso große Abhängigkeit auf, allerdings in Bezug auf ein anderes Thema, denn es steht in der vierten Reihe. Hier geht es um die tägliche Arbeit, um Pflicht und Ordnung sowie um die notwendige Routine bei der Ausübung der beruflichen oder schulischen Tätigkeit. Der Betreffende weiß um seine Identität, kann auch selbst für sich sorgen, verspürt aber eine sehr starke Bindung zur Familie, sodass sich das ganze Leben – alles Sinnen und Trachten – um die eigene Sippe dreht. Im Gegensatz zu Natrium ist es hier nicht die einzelne Bezugsperson, die wie eine Mutter vereinnahmt wird, sondern die Gruppe – der Familienverband. Der Hintergrund: Der Betreffende hat Angst, allein zu sein. Das Aufstellen fester Regeln und Gesetze, an die sich alle Familienangehörigen zu halten haben, schafft die Sicherheit, die der Kalium-Mensch zum Überleben braucht. Carbonicum (Kohlenstoff) steht in der zweiten Reihe relativ in der Mitte. Hier geht es um den Geburtsprozess, um die Trennung von der Mutter. Der Betreffende weiß, dass er sich trennen muss, dass er den „schützenden Mutterleib“ verlassen muss, aber er traut es sich nicht zu, kann keine Trennung ertragen. An dieser Stelle wird deutlich, wie nahtlos diese beiden unterschiedlichen Elemente ineinandergreifen und sich gegenseitigen beeinflussen: Der Carbon-Anteil beinhaltet die Angst und Unfähigkeit, sich zu trennen und der Kalium-Anteil den Bezug zur Familie. Hier besteht also die Urangst, von der Sippe getrennt zu werden und auf sich selbst gestellt zu sein. Aurum arsenicosum Aurum (Gold) befindet sich an der Schnittstelle von sechster Reihe und 11. Spalte, also jenseits der Mitte. In Reihe sechs geht es um Verantwortung und Macht. Die 11. Spalte zeigt an, dass der Höhepunkt des Erreichbaren bereits überschritten ist und der Betreffende im Begriff ist, die Machtposition, die er sich erarbeitet hat, Stück für Stück zu verlieren. Da sich der Aurum-Mensch aber über seine Position und Verantwortung definiert, stürzt ihn deren drohender Verlust in tiefste Abgründe – ein Leben scheint dann nicht mehr vorstellbar. Mit Arsenicum hat das Schwermetall einen Partner aus der vierten (Arbeiter-) Reihe, wobei Arsen noch weiter rechts angesiedelt ist: in der 15. Spalte. Der Verlust ist schon recht weit fortgeschritten und man kann nichts dagegen tun. Konkret geht es um die Furcht vor dem Verlust materieller Sicherheit und des Arbeitsplatzes. Der Betreffende versucht verzweifelt, das einmal Erreichte festzuhalten, aber es gelingt ihm nicht. Er fühlt sich ohnmächtig und vollkommen hilflos. Bei Aurum arsenicosum handelt es sich um ein Salz aus zwei Elementen rechts der Mitte, die thematisch nicht allzu weit entfernt sind: In beiden Fällen geht es um die Stellung im Arbeitsleben. Durch die Kombination wird klar, dass der Betreffende nicht nur um seine Verantwortung und seine Machtposition bangen muss, sondern auch um die materielle Sicherheit, die mit dem drohenden Verlust des Arbeitsplatzes zwangsläufig einhergeht. Typisch ist die große Angst und Unruhe, mit der der Aur-ar.-Mensch diesen Prozess begleitet. Fazit Bei der Beschreibung der einzelnen Salze wurde bewusst auf ein detailliertes Arzneimittelbild verzichtet. Es geht nicht darum, die jeweiligen Symptome der Mittel darzustellen, sondern die Idee der Elemente und ihrer Verbindungen in Bezug zu den Themen der Reihen und Spalten des Periodensystems herauszuarbeiten. Jan Scholten und Rajan Sankaran haben hier wertvolle Pionierarbeit geleistet. Literatur: Joshi, Bhawisha: Homöopathie und die Struktur des Periodensystems. Narayana Verlag. Kandern, 2010 Sankaran, Rajan: Struktur. Erfahrungen mit dem Mineralreich, Bd. 1 und 2. Homeopathic Medical Publishers. Mumbai, 2009 (1) Scholten, Jan: Homöopathie und Minerale. Utrecht, 1993
Junge, traurige Frau im Büro, die ein Problem hat.
von von Dorit Zimmermann 1. September 2025
Wie Glück oder Freude ist auch der Schmerz fester Bestandteil unseres Lebens. Chronische Schmerzen sind allerdings schwer zu ertragen, sie machen uns hilflos und ohnmächtig. Die Homöopathie kann hier unterstützend eingesetzt werden. ((BU))
Silhouette eines menschlichen Kopfes und Holzklötze mit den Buchstaben ADHS auf pastellfarbenem Hint
von von Dorit Zimmermann 19. Mai 2025
Bei ADHS ist die Reizschwelle herabgesetzt.
Sommergrippe
von von Dorit Zimmermann 19. Mai 2025
Jeder Infekt stärkt die körpereigene Abwehr.